https://www.faz.net/-gqe-z60w

Frankreich : Der jähe Sturz des DSK

Der neue DSK: Nur seine Anwälte dürfen reden, er ist zum Schweigen verdammt Bild: REUTERS

Eine Woche nach der Festnahme von Dominique Strauss-Kahn ist das Koordinatensystem der Franzosen aus den Fugen geraten. Sie revidieren ihr Bild vom Staatsmann mit internationalem Renommee, der nun vor Gericht zum Schweigen verdammt ist.

          6 Min.

          Er sei aus allen Wolken gefallen, als er davon hörte, berichtete der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand. Jack Lang, einer seiner sozialistischen Vorgänger auf dem Ministerposten, sprach von einem „unvorstellbaren und unverhältnismäßigen“ Zugriff der amerikanischen Justiz und rief zu einem „Akt der Solidarität“ auf. Nur Marine Le Pen von der rechtsextremen Partei Front National wollte ihn nicht in Schutz nehmen: „Gehört er zu einer speziell geschützten Kaste, für die andere Gesetze gelten?“, fragte sie.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Rede ist nicht von Dominique Strauss-Kahn, dem ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), sondern von dem französisch-polnischen Filmemacher Roman Polanski. Die Parallelen zum Fall Strauss-Kahn sind nicht zu übersehen. Die amerikanische Justiz verfolgt den Regisseur wegen Vergewaltigung, und halb Frankreich stellte sich 2009 hinter ihn, als ihn die schweizerischen Behörden für die Auslieferung in die Vereinigten Staaten festnahmen. „Die Vereinigten Staaten werden in Frankreich oft als ein Land gesehen, in dem die Polizei und die Justiz mit großer Brutalität vorgehen“, sagte Pascal Perrineau, der Direktor des politischen Forschungszentrums Cevipof nach der Verhaftung von Strauss-Kahn gegenüber „Le Monde“.

          Aber hat DSK Mitleid verdient?

          Das galt auch schon bei Polanski, auch wenn seine Tat mehr als dreißig Jahre zurückliegt. Der Fall hat die Gegenwart längst eingeholt. Wenn Strauss-Kahn freigelassen würde, könnte er fliehen und „unbehelligt in Frankreich leben - genau wie Roman Polanski“, sagte der amerikanische Staatsanwalt Daniel Alonso am Montag beim Gerichtstermin in New York, denn die Franzosen und die Schweizer lieferten ihre Staatsbürger nicht aus. Die Richterin folgte dieser Argumentation. Daher musste Frankreichs ehemaliger Finanzminister und zu diesem Zeitpunkt noch amtierender IWF-Chef vier unangenehme Nächte auf der Gefängnisinsel Rikers verbringen. Erst am Freitag sollte er gegen Kaution und unter permanenter Bewachung durch eine private Sicherheitsfirma die Haftanstalt verlassen.

          Der alte DSK: Ein wortgewaltiger Staatsmann mit internationalem Renommee

          Der Fall „DSK“ wühlt die Franzosen freilich viel mehr auf, als jeder Filmregisseur es je könnte. Immerhin handelte es sich bei dem Politiker um den Favoriten der Präsidentenwahl im Jahr 2012. Seit Monaten lag er in den Umfragen um Längen vor Sarkozy. Ein Staatsmann mit internationalem Renommee, der die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge versteht und gleichzeitig eine soziale Ader behalten hat; ein Mann mit brillantem Intellekt, der die Linke aus ihren sozialistischen Träumen wachrütteln könnte und der anders als der aktuelle Amtsinhaber Frankreich im Ausland würdig vertreten könnte. Soweit die Wahrnehmung der Mehrheit von Umfrageteilnehmern. Dann kam der Schock des vergangenen Samstags. Ihren „DSK“, wie sie ihn alle nennen, erleben die Franzosen jetzt nur noch als ein Häuflein Elend auf einer amerikanischen Anklagebank. Ein Mann, der zum Schweigen verdammt ist, weil nur seine Anwälte reden dürfen - die Hilflosigkeit in Person.

          Aber hat er Mitleid verdient? Trotz aller Verweise auf die Unschuldsvermutung beginnen die Franzosen, ihr Bild von DSK zu revidieren - vor allem die Frauen. Denn auch wenn Frankreich seinen Politikern viel Verständnis in Liebesfragen zugesteht, hört bei Gewaltanwendung die Toleranz auf. Was jetzt alles an die Öffentlichkeit gerät, kann sein Image zudem nur beflecken. Da meldet sich wieder die junge Schriftstellerin namens Tristane Banon, die nach ihren Worten 2002 nur knapp einem Vergewaltigungsversuch von Strauss-Kahn entging. Sie erstattete nie Anzeige; ihre Mutter, eine sozialistische Regionalpolitikerin, riet davon ab. Denn es bestanden verwandtschaftliche und freundschaftliche Verbindungen zwischen den Familien. Zudem machten offenbar einige Parteigranden Druck. Die Mutter klagt jetzt die damalige Führungsspitze der Sozialisten öffentlich an. Darunter befindet sich François Hollande, der in der Nachfolge von DSK schon zum neuen Umfrageliebling der Franzosen aufgerückt war. Die sozialistische Abgeordnete der Nationalversammlung, Aurélie Filippetti, hatte sich schon 2006 beschwert, dass DSK sie an der Brust begrapscht habe. „Seither sah ich zu, dass ich niemals mit ihm allein in einem geschlossenen Raum war“, berichtete sie. Für die sozialistische Partei kündigt sich also noch viel Ungemach an.

          Auch die französischen Medien tragen Verantwortung

          Zwangsläufig geraten damit auch die Medien unter das Brennglas der kritischen Öffentlichkeit: Viele Journalisten wollen es jetzt immer schon gewusst haben. Etliche Frauen unter ihnen weigerten sich etwa, allein zum Interview zu DSK gehen. Doch warum hat es, abgesehen von einigen Buchautoren, wovon einer anonym bleiben wollte, niemand aufgeschrieben? Vor allem die amerikanische und die britische Presse werfen ihren französischen Kollegen journalistische Pflichtverletzung vor. Die Angegriffenen verteidigen sich mit dem Argument, dass sie Schlafzimmer-Geschichten nicht interessieren sollen. Das Privatleben der Politiker habe privat zu bleiben.

          Doch wo verläuft die Grenze? Wenn François Mitterrand, so wie geschehen, jahrelang eine Zweitfamilie auf Staatskosten unterhält, sind öffentliche Belange betroffen. Wenn Strauss-Kahn, wie angeblich alle wussten, regelmäßig Swinger-Clubs besuchte, ist die Antwort schon schwieriger. Eine „Schlafzimmer-Geschichte“ wird auf jeden Fall dann zum Berichtsgegenstand, wenn körperliche Aufdringlichkeit zu Zwang wird. Viele Redaktionen, die in der investigativen Arbeit ohnehin nicht sonderlich stark sind, übersahen das geflissentlich.

          Auch die Machtstrukturen in den französischen Medien sind dafür verantwortlich. DSK wird von der einflussreichen PR-Agentur Euro-RSCG beraten sowie von dem „Spin Doctor“ Ramzi Khiroun, der vom Medienkonzern Lagardère bezahlt wird und als rechte Hand des Großaktionärs Arnaud Lagardère gilt. In Khirouns Porsche, ein Dienstwagen von Lagardère, war DSK noch vor einigen Tagen in Paris fotografiert worden, was ihm politischen Ärger bei den Linken einbrachte. Khiroun war es auch, der immer mal wieder bei unliebsamen Journalisten anrief, um sie von den „Frauengeschichten“ DSKs abzubringen.

          Frankreichs Bürger befreien sich aus der Schockstarre

          In der Medienwelt ist er Fürsprecher eines mächtigen Konzerns: Lagardère besitzt mit „Paris Match“, dem „Journal du Dimanche“ und „Elle“ wichtige Zeitungs- und Magazintitel, und ist mit Europe-1 und einer Beteiligung an Canal Plus ein großer Akteur der audiovisuellen Medien. Den Chefredakteur von „Paris Match“ setzte Lagardère 2006 vor die Tür, nachdem er Cécilia Sarkozy und ihren Liebhaber (und heutigen Ehemann) auf das Titelblatt gesetzt hatte. Auf der Hauptversammlung Anfang des Monats freute sich Arnaud Lagardère, dass er auf seine Nähe zu DSK angesprochen wurde: „Das schmälert vielleicht etwas die Kritik, die ich aufgrund der Nähe zu Nicolas Sarkozy erhalte“, sagte er in ironischem Unterton. Der Punkt ist jedoch, dass die französischen Medienkonzerne immer eine Verbindung zu den Mächtigen suchen, weil sie Interessen jenseits des Journalismus verfolgen. Lagardère ist Großaktionär bei EADS. Der Aktionärspakt, der die Beteiligung und den Einfluss seines Konzerns sichert, kam 1999 unter einem Finanzminister namens Strauss-Kahn zustande.

          Jetzt, knapp eine Woche nach der Festnahme von DSK, befreien sich Frankreichs Bürger langsam aus ihrer Schockstarre und aus ihrer Ungläubigkeit. 57 Prozent glauben an eine Verschwörung, ergab eine Umfrage aus den ersten Tagen nach Bekanntwerden des Skandals. „Die Nachricht hat sie buchstäblich umgeworfen, so dass sich die Franzosen in die Verneinung flüchten, um den Schock besser zu verarbeiten“, erläuterte der Mediensoziologe Denis Muzet. Gleichzeitig wächst jetzt aber auch das Unbehagen über den in New York festsitzenden Landsmann. Nach einer Umfrage der Website des „Figaro“ glauben drei Viertel von 75.000 Franzosen, dass der Skandal dem Ansehen Frankreichs in der Welt schade.

          Auch in Amerika setzt Nachdenklichkeit ein

          Über das Leid des möglichen Vergewaltigungsopfers kümmerte sich dagegen zunächst kaum jemand. Warum sie allein ins Zimmer von DSK gekommen sei, wo sonst in solchen Hotels doch immer eine „Reinigungs-Brigade“ von mindestens zwei Leuten erscheine, fragt sich der selbsternannte Philosoph Bernard-Henri Lévy auf der amerikanischen Website „The Daily Beast“. Verschwörung durch Verführung, wodurch das Opfer zum Täter würde? Traditionelle Gräben zwischen Männern und Frauen plus ihrer alten Argumentationsmuster tun sich auch wieder auf. Nicht nur Frauenrechtlerinnen beschreiben Frankreich trotz aller beruflichen Emanzipierung als ein Land mit Zügen einer Macho-Gesellschaft. „Wir sind im Grunde genommen südländisch geprägt“, sagt eine Nachbarin. Frauengruppen klagen, dass viele Sexualdelikte oft nicht gemeldet würden.

          Auch eine juristische Debatte hat über den Atlantik hinweg eingesetzt. Die Franzosen verurteilen das amerikanische System, weil es Angeklagte in aller Welt wie Verurteilte vorführe. Sie hätten DSK „den Hunden vorgeworfen“, schimpft Lévy. Die Aufregung könnte sich legen, wenn erst einmal die Verteidigung eigene Ermittlungen aufgenommen hat und ihre Argumente machtvoll vorlegt. Frankreich hat bei den Rechten von Beschuldigten ohnehin niemandem Lehren zu erteilen. Beim berühmt-berüchtigten Polizeigewahrsam war bis vor kurzem einem Anwalt weder längere Präsenz noch Akteneinsicht gestattet.

          Auch in Amerika setzt indes etwas Nachdenklichkeit ein. Kritische Stimmen äußern sich zum sogenannten „Perp-walk“. Unter entlarvender Verwendung des Wortes „perpetrator“ (Straftäter) nennt die New Yorker Polizei so den Spießrutenlauf, dem sich Festgenommene in Handschellen vor Kameraleuten und Fotografen unterziehen müssen. In Frankreich ist es gesetzlich verboten, eine Person vor der Verurteilung in Handschellen zu zeigen. Daher hat die staatliche Medienaufsicht CSA die Fernsehsender aufgefordert, diese Bilder nicht exzessiv zu zeigen. Angesichts des großen öffentlichen Interesses an der Affäre um DSK bleibt dies freilich ein frommer Wunsch.

          Weitere Themen

          In seiner Welt steht die Zeit still

          Delfter Maler Pieter de Hooch : In seiner Welt steht die Zeit still

          Lange Zeit stand er im Schatten Vermeers, jetzt können wir seine meisterhaften Stadtbilder und Innenräume neu entdecken: Das Museum Prinsenhof in Delft zeigt das Lebenswerk des niederländischen Barockmalers Pieter de Hooch.

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.