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Frankreich : Der jähe Sturz des DSK

Der neue DSK: Nur seine Anwälte dürfen reden, er ist zum Schweigen verdammt Bild: REUTERS

Eine Woche nach der Festnahme von Dominique Strauss-Kahn ist das Koordinatensystem der Franzosen aus den Fugen geraten. Sie revidieren ihr Bild vom Staatsmann mit internationalem Renommee, der nun vor Gericht zum Schweigen verdammt ist.

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          Er sei aus allen Wolken gefallen, als er davon hörte, berichtete der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand. Jack Lang, einer seiner sozialistischen Vorgänger auf dem Ministerposten, sprach von einem „unvorstellbaren und unverhältnismäßigen“ Zugriff der amerikanischen Justiz und rief zu einem „Akt der Solidarität“ auf. Nur Marine Le Pen von der rechtsextremen Partei Front National wollte ihn nicht in Schutz nehmen: „Gehört er zu einer speziell geschützten Kaste, für die andere Gesetze gelten?“, fragte sie.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Rede ist nicht von Dominique Strauss-Kahn, dem ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), sondern von dem französisch-polnischen Filmemacher Roman Polanski. Die Parallelen zum Fall Strauss-Kahn sind nicht zu übersehen. Die amerikanische Justiz verfolgt den Regisseur wegen Vergewaltigung, und halb Frankreich stellte sich 2009 hinter ihn, als ihn die schweizerischen Behörden für die Auslieferung in die Vereinigten Staaten festnahmen. „Die Vereinigten Staaten werden in Frankreich oft als ein Land gesehen, in dem die Polizei und die Justiz mit großer Brutalität vorgehen“, sagte Pascal Perrineau, der Direktor des politischen Forschungszentrums Cevipof nach der Verhaftung von Strauss-Kahn gegenüber „Le Monde“.

          Aber hat DSK Mitleid verdient?

          Das galt auch schon bei Polanski, auch wenn seine Tat mehr als dreißig Jahre zurückliegt. Der Fall hat die Gegenwart längst eingeholt. Wenn Strauss-Kahn freigelassen würde, könnte er fliehen und „unbehelligt in Frankreich leben - genau wie Roman Polanski“, sagte der amerikanische Staatsanwalt Daniel Alonso am Montag beim Gerichtstermin in New York, denn die Franzosen und die Schweizer lieferten ihre Staatsbürger nicht aus. Die Richterin folgte dieser Argumentation. Daher musste Frankreichs ehemaliger Finanzminister und zu diesem Zeitpunkt noch amtierender IWF-Chef vier unangenehme Nächte auf der Gefängnisinsel Rikers verbringen. Erst am Freitag sollte er gegen Kaution und unter permanenter Bewachung durch eine private Sicherheitsfirma die Haftanstalt verlassen.

          Der alte DSK: Ein wortgewaltiger Staatsmann mit internationalem Renommee

          Der Fall „DSK“ wühlt die Franzosen freilich viel mehr auf, als jeder Filmregisseur es je könnte. Immerhin handelte es sich bei dem Politiker um den Favoriten der Präsidentenwahl im Jahr 2012. Seit Monaten lag er in den Umfragen um Längen vor Sarkozy. Ein Staatsmann mit internationalem Renommee, der die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge versteht und gleichzeitig eine soziale Ader behalten hat; ein Mann mit brillantem Intellekt, der die Linke aus ihren sozialistischen Träumen wachrütteln könnte und der anders als der aktuelle Amtsinhaber Frankreich im Ausland würdig vertreten könnte. Soweit die Wahrnehmung der Mehrheit von Umfrageteilnehmern. Dann kam der Schock des vergangenen Samstags. Ihren „DSK“, wie sie ihn alle nennen, erleben die Franzosen jetzt nur noch als ein Häuflein Elend auf einer amerikanischen Anklagebank. Ein Mann, der zum Schweigen verdammt ist, weil nur seine Anwälte reden dürfen - die Hilflosigkeit in Person.

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