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Frankreich : Der jähe Sturz des DSK

In der Medienwelt ist er Fürsprecher eines mächtigen Konzerns: Lagardère besitzt mit „Paris Match“, dem „Journal du Dimanche“ und „Elle“ wichtige Zeitungs- und Magazintitel, und ist mit Europe-1 und einer Beteiligung an Canal Plus ein großer Akteur der audiovisuellen Medien. Den Chefredakteur von „Paris Match“ setzte Lagardère 2006 vor die Tür, nachdem er Cécilia Sarkozy und ihren Liebhaber (und heutigen Ehemann) auf das Titelblatt gesetzt hatte. Auf der Hauptversammlung Anfang des Monats freute sich Arnaud Lagardère, dass er auf seine Nähe zu DSK angesprochen wurde: „Das schmälert vielleicht etwas die Kritik, die ich aufgrund der Nähe zu Nicolas Sarkozy erhalte“, sagte er in ironischem Unterton. Der Punkt ist jedoch, dass die französischen Medienkonzerne immer eine Verbindung zu den Mächtigen suchen, weil sie Interessen jenseits des Journalismus verfolgen. Lagardère ist Großaktionär bei EADS. Der Aktionärspakt, der die Beteiligung und den Einfluss seines Konzerns sichert, kam 1999 unter einem Finanzminister namens Strauss-Kahn zustande.

Jetzt, knapp eine Woche nach der Festnahme von DSK, befreien sich Frankreichs Bürger langsam aus ihrer Schockstarre und aus ihrer Ungläubigkeit. 57 Prozent glauben an eine Verschwörung, ergab eine Umfrage aus den ersten Tagen nach Bekanntwerden des Skandals. „Die Nachricht hat sie buchstäblich umgeworfen, so dass sich die Franzosen in die Verneinung flüchten, um den Schock besser zu verarbeiten“, erläuterte der Mediensoziologe Denis Muzet. Gleichzeitig wächst jetzt aber auch das Unbehagen über den in New York festsitzenden Landsmann. Nach einer Umfrage der Website des „Figaro“ glauben drei Viertel von 75.000 Franzosen, dass der Skandal dem Ansehen Frankreichs in der Welt schade.

Auch in Amerika setzt Nachdenklichkeit ein

Über das Leid des möglichen Vergewaltigungsopfers kümmerte sich dagegen zunächst kaum jemand. Warum sie allein ins Zimmer von DSK gekommen sei, wo sonst in solchen Hotels doch immer eine „Reinigungs-Brigade“ von mindestens zwei Leuten erscheine, fragt sich der selbsternannte Philosoph Bernard-Henri Lévy auf der amerikanischen Website „The Daily Beast“. Verschwörung durch Verführung, wodurch das Opfer zum Täter würde? Traditionelle Gräben zwischen Männern und Frauen plus ihrer alten Argumentationsmuster tun sich auch wieder auf. Nicht nur Frauenrechtlerinnen beschreiben Frankreich trotz aller beruflichen Emanzipierung als ein Land mit Zügen einer Macho-Gesellschaft. „Wir sind im Grunde genommen südländisch geprägt“, sagt eine Nachbarin. Frauengruppen klagen, dass viele Sexualdelikte oft nicht gemeldet würden.

Auch eine juristische Debatte hat über den Atlantik hinweg eingesetzt. Die Franzosen verurteilen das amerikanische System, weil es Angeklagte in aller Welt wie Verurteilte vorführe. Sie hätten DSK „den Hunden vorgeworfen“, schimpft Lévy. Die Aufregung könnte sich legen, wenn erst einmal die Verteidigung eigene Ermittlungen aufgenommen hat und ihre Argumente machtvoll vorlegt. Frankreich hat bei den Rechten von Beschuldigten ohnehin niemandem Lehren zu erteilen. Beim berühmt-berüchtigten Polizeigewahrsam war bis vor kurzem einem Anwalt weder längere Präsenz noch Akteneinsicht gestattet.

Auch in Amerika setzt indes etwas Nachdenklichkeit ein. Kritische Stimmen äußern sich zum sogenannten „Perp-walk“. Unter entlarvender Verwendung des Wortes „perpetrator“ (Straftäter) nennt die New Yorker Polizei so den Spießrutenlauf, dem sich Festgenommene in Handschellen vor Kameraleuten und Fotografen unterziehen müssen. In Frankreich ist es gesetzlich verboten, eine Person vor der Verurteilung in Handschellen zu zeigen. Daher hat die staatliche Medienaufsicht CSA die Fernsehsender aufgefordert, diese Bilder nicht exzessiv zu zeigen. Angesichts des großen öffentlichen Interesses an der Affäre um DSK bleibt dies freilich ein frommer Wunsch.

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