https://www.faz.net/-gqe-z60w

Frankreich : Der jähe Sturz des DSK

Aber hat er Mitleid verdient? Trotz aller Verweise auf die Unschuldsvermutung beginnen die Franzosen, ihr Bild von DSK zu revidieren - vor allem die Frauen. Denn auch wenn Frankreich seinen Politikern viel Verständnis in Liebesfragen zugesteht, hört bei Gewaltanwendung die Toleranz auf. Was jetzt alles an die Öffentlichkeit gerät, kann sein Image zudem nur beflecken. Da meldet sich wieder die junge Schriftstellerin namens Tristane Banon, die nach ihren Worten 2002 nur knapp einem Vergewaltigungsversuch von Strauss-Kahn entging. Sie erstattete nie Anzeige; ihre Mutter, eine sozialistische Regionalpolitikerin, riet davon ab. Denn es bestanden verwandtschaftliche und freundschaftliche Verbindungen zwischen den Familien. Zudem machten offenbar einige Parteigranden Druck. Die Mutter klagt jetzt die damalige Führungsspitze der Sozialisten öffentlich an. Darunter befindet sich François Hollande, der in der Nachfolge von DSK schon zum neuen Umfrageliebling der Franzosen aufgerückt war. Die sozialistische Abgeordnete der Nationalversammlung, Aurélie Filippetti, hatte sich schon 2006 beschwert, dass DSK sie an der Brust begrapscht habe. „Seither sah ich zu, dass ich niemals mit ihm allein in einem geschlossenen Raum war“, berichtete sie. Für die sozialistische Partei kündigt sich also noch viel Ungemach an.

Auch die französischen Medien tragen Verantwortung

Zwangsläufig geraten damit auch die Medien unter das Brennglas der kritischen Öffentlichkeit: Viele Journalisten wollen es jetzt immer schon gewusst haben. Etliche Frauen unter ihnen weigerten sich etwa, allein zum Interview zu DSK gehen. Doch warum hat es, abgesehen von einigen Buchautoren, wovon einer anonym bleiben wollte, niemand aufgeschrieben? Vor allem die amerikanische und die britische Presse werfen ihren französischen Kollegen journalistische Pflichtverletzung vor. Die Angegriffenen verteidigen sich mit dem Argument, dass sie Schlafzimmer-Geschichten nicht interessieren sollen. Das Privatleben der Politiker habe privat zu bleiben.

Doch wo verläuft die Grenze? Wenn François Mitterrand, so wie geschehen, jahrelang eine Zweitfamilie auf Staatskosten unterhält, sind öffentliche Belange betroffen. Wenn Strauss-Kahn, wie angeblich alle wussten, regelmäßig Swinger-Clubs besuchte, ist die Antwort schon schwieriger. Eine „Schlafzimmer-Geschichte“ wird auf jeden Fall dann zum Berichtsgegenstand, wenn körperliche Aufdringlichkeit zu Zwang wird. Viele Redaktionen, die in der investigativen Arbeit ohnehin nicht sonderlich stark sind, übersahen das geflissentlich.

Auch die Machtstrukturen in den französischen Medien sind dafür verantwortlich. DSK wird von der einflussreichen PR-Agentur Euro-RSCG beraten sowie von dem „Spin Doctor“ Ramzi Khiroun, der vom Medienkonzern Lagardère bezahlt wird und als rechte Hand des Großaktionärs Arnaud Lagardère gilt. In Khirouns Porsche, ein Dienstwagen von Lagardère, war DSK noch vor einigen Tagen in Paris fotografiert worden, was ihm politischen Ärger bei den Linken einbrachte. Khiroun war es auch, der immer mal wieder bei unliebsamen Journalisten anrief, um sie von den „Frauengeschichten“ DSKs abzubringen.

Frankreichs Bürger befreien sich aus der Schockstarre

Weitere Themen

Topmeldungen

Offensive in Nordsyrien : Erdogan verspottet Trump

Der türkische Präsident verspottet nicht nur den deutschen Außenminister Maas, sondern auch den amerikanischen Präsidenten Trump für dessen Tweets. Verwirrung gab es über ein Treffen mit Vizepräsident Pence und Außenminister Pompeo in Ankara.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.