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Forscher streiten über Geburtenanstieg : Mehr Elterngeld, mehr Kinder?

Bekommen Frauen wieder mehr Kinder, weil sich das ökonomisch stärker lohnt? Bild: ddp

Erstmals seit dem Jahr 2000 ist die Kinderzahl in Deutschland wieder angestiegen. Ein Erfolg des Elterngeldes? „Nein“, sagt Bevölkerungsforscher Herwig Birg. Hier würden „Scheineffekte als Erfolge der Politik“ verkauft. „Ja“, sagt Demographieexpertin Thusnelda Tivig. „Das Elterngeld wirkt“.

          Erstmals seit dem Jahr 2000 ist die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Deutschland im Jahr 2007 wieder angestiegen. Das belegen neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes, die an diesem Mittwoch veröffentlicht worden sind. Ob die Zahlen nun einen positiven Effekt des Elterngeldes zeigen, ist unter Forschern jedoch höchst umstritten.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Der Anstieg der Geburtenzahl ist so minimal, dass es regelrecht tollkühn wäre, ihn irgendwelchen politischen Maßnahmen zuzuschreiben“, sagte der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg zu FAZ.NET. Es habe im Jahr 2007 so viele Effekte gegeben, die Einfluss auf die Kinderzahl hätten, dass es unmöglich sei, den Anstieg auf das Elterngeld zurückzuführen. Nicht zuletzt die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 habe für eine euphorische Stimmung gesorgt und mehr Geburten im Jahr 2007 befördert.

          Insgesamt seien die Daten des Statistischen Bundesamtes wenig geeignet, um Rückschlüsse auf die Ursachen der Geburtenentwicklung zu ziehen, kritisierte Birg. Bei der Berechnung der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau werden alle Kinder berücksichtigt, die im Laufe eines Jahres geboren werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um das erste, zweite oder ein weiteres Kind der Frau handelt. „Diese Daten wären aber für eine verlässliche Analyse nötig“, sagte Birg. Doch die Ministerien seien nicht interessiert daran, solche Zahlen zu veröffentlichen. „Lieber verkaufen sie Scheineffekte als Erfolge ihrer Politik.“

          Eher weniger Kinder, wenn die Wirtschaft boomt

          Weniger kritisch zeigte sich Thusnelda Tivig, Wissenschaftlerin am Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels. „Das Elterngeld wirkt“, sagte sie im Gespräch mit FAZ.NET. Allerdings sprach auch Tivig von einer „kleinen positiven Auswirkung“. Dabei hätten „nicht nur die politischen Maßnahmen eine Wirkung, sondern vor allem die allgemeine Stimmung“. Letztere habe sich durch die Einführung des Elterngeldes verbessert.

          Schuld am Anstieg der durchschnittlichen Kinderzahl sei jedoch vor allem ein schlichter Berechnungseffekt, der mit dem Alter der Mütter zusammenhängt, die in die Statistik eingehen. Je mehr Mütter in höherem Alter schwanger werden, so Tivigs These, desto genauer wird der Indikator zur Berechnung der durchschnittlichen Kinderzahl. Die 2007er Daten zeigen eindrucksvoll, dass immer weniger jüngere und immer mehr ältere Frauen Kinder bekommen. Deshalb sei in der Vergangenheit die durchschnittliche Kinderzahl unterschätzt worden, was nun mitschuldig am Anstieg der Statistik sei.

          Einig sind sich die Forscher darüber, dass theoretisch die gute Konjunktur einen eher negativen Effekt auf die Zahl der Kinder in Deutschland haben sollte. „Die meisten Studien deuten darauf hin, dass die Fertilität eher in schlechten Zeiten steigt“, sagte Tivig, in guten Zeiten würden in der Regel weniger Kinder geboren. „Wenn die Wirtschaft boomt, sind die Einkommensaussichten besser und kinderlos zu bleiben lohnt sich eher“, so formuliert es Birg. Doch auch der Konjunktureffekt schlage sich nur selten in den veröffentlichten Zahlen nieder.

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