https://www.faz.net/-gqe-vafy

Foodwatch-Gründer Bode : „Wir zahlen noch nicht die Zeche für den Biosprit“

  • Aktualisiert am

„Was man bisher tut, nützt den Bauern, nicht dem Klima”: Thilo Bode Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Zweifel an der Förderpolitik für nachwachsende Rohstoffe wachsen. Der Gründer von Foodwatch, Thilo Bode, ist einer der bekanntesten deutschen Umweltschützer. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Klientelpolitik für die Bauern und die Klimakosten.

          2 Min.

          Ist die Produktion von Biosprit schuld daran, dass Butter und auch Brot immer teurer werden? Haben wir bald leere Teller, weil die Bauern beim Füllen von Autotanks mehr verdienen und daher ihre Ackerfrüchte lieber zu Biokraftstoffen verwerten lassen? Die Zweifel an der Förderpolitik für nachwachsende Rohstoffe wachsen. Auch die Verbraucherorganisation Foodwatch befürchtet eine unselige Flächenkonkurrenz. Doch noch kann Geschäftsführer Thilo Bode (60) keinen Zusammenhang erkennen zwischen den Preissteigerungen und dem Ausbau der Bio-Energie. Bode ist einer der bekanntesten deutschen Umweltschützer. Der Volkswirt war von 1989 bis 2001 in leitendenden Positionen bei Greenpeace. Seit 2002 ist er Gründer und Geschäftsführer von Foodwatch in Berlin.

          Zahlen die Verbraucher mit höheren Butterpreisen die Zeche dafür, dass es mehr Ackerflächen für Biosprit gibt?

          Das glaube ich nicht. Wir hatten bis vor kurzem noch ein großes Angebot, und es wurden auch bis vor kurzem noch Exporterstattungen durch die EU gezahlt. Der Wandel hat etwas mit dem Weltmarkt zu tun und nicht mit den Energiepflanzen. Es könnte aber in der Zukunft ein Problem werden.

          Lebensmittel : Milchpreise steigen - Politiker fordern Hartz-IV-Anpassung

          Droht uns diese Zukunft schon bald?

          Wenn weiter Klimapolitik mit Klientelpolitik für die Bauern verwechselt wird, könnte das schon bald sein. Man subventioniert jetzt die Herstellung von Biosprit, was in der Kohlendioxidbilanz nicht positiv ist. Mit dem Geld könnte man klimapolitisch ganz andere Sachen machen, so bei der Wärmedämmung von Gebäuden. Was man bisher tut, nützt den Bauern, nicht dem Klima.

          Sie würden also Subventionen für nachwachsende Rohstoffe streichen?

          Ich würde sie nicht völlig streichen, es gibt Alternativen zum Biosprit. Man kann Pflanzen verbrennen und damit Strom erzeugen und zugleich Wärme oder auch Biogas produzieren. Das ist energetisch die viel bessere Lösung, vorausgesetzt, der Anbau dieser Pflanzen geschieht ökologisch. Allerdings: Wenn man diese Lösung wählt, kommt irgendwann der Punkt, wo es eine Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmitteln und Energieproduktion gibt. Dieses Problem kann nur politisch gelöst werden.

          Noch gibt es diese Konkurrenz nicht?

          Noch nicht, weil wir günstigere Alternativen haben in der Energiepolitik. In der Klimapolitik sollte man anders vorgehen und sich fragen, wo man mit einem bestimmten Geldbetrag die größte CO2-Einsparung erzielen kann. Aber so geht die Regierung leider nicht vor.

          Ist der jetzige Preisanstieg bei Milch und Butter das Ende der Billigphase? Ist das die Wende zu einer besseren Qualität, die Foodwatch immer verlangt hat?

          Dieser Preisanstieg hat nichts mit besserer Qualität zu tun. Wie sich die Preise schließlich im Handel entwickeln, wird von der Konkurrenz abhängen. Das kann man noch gar nicht absehen. Es kann sein, dass sich das wieder nivelliert. Aber wir zahlen in der Lebensmittelproduktion nicht die wahren Preise, weil die hohen Umweltkosten darin nicht enthalten sind. Die Bauern verursachen auch hohe Klimakosten, das wird immer vernachlässigt. Wenn man schon mit Landbau Klimapolitik machen will, sollte man die Landwirtschaft zwingen, ökologischer zu produzieren. Mit weniger Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln kann man bis zu 60 Prozent der Treibhausgase einsparen.

          Der wahre Lebensmittelpreis müsste also deutlich höher sein. Wie hoch?

          Der müsste liegen zwischen dem, was heute für Ökoprodukte bezahlt wird, also 70 Prozent mehr, und dem jetzigen Niveau bei konventioneller Herstellung. Bei höherer Ökoproduktion würde wegen der Skalenerträge der Preis von Bioware sinken, aber natürlich nie auf das Niveau der heutigen Handelspreise fallen. Man muss aber eine Einschränkung machen: Bei einer Liberalisierung der Landwirtschaft in der EU, die ich begrüßen würde, wären auch die Preise der Ökoware niedriger.

          Wäre der „wahre“ Lebensmittelpreis also 35 Prozent höher? Oder ist das eine falsche Rechnung?

          Bei einem geschlossenen Agrar-Binnenmarkt der EU würde er sich einpendeln zwischen den ökologischen und den konventionellen Preisen. Aber die große Unbekannte in dieser Rechnung ist: Was passiert, wenn ich den europäischen Agrarmarkt liberalisiere? Und das muss gemacht werden im Sinne der Verbraucher, der Umwelt und der Dritten Welt. Und dann gehen natürlich viele Preise runter - vom Zucker bis hin zum Gemüse. Aber billiger wird es wahrscheinlich nicht.

          Weitere Themen

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Topmeldungen

          Am Ende der Welt: der Checkpoint Kalanchak zur Krim

          Russlands Okkupation : Kein Wasser für die Krim

          Im Donbass wird fast täglich geschossen, um die Krim aber ist es ruhig. Welche Ziele Russland hier verfolgt, verrät ein Blick auf das Asowsche Meer. Eine Reise im Süden der Ukraine.
          Windräder in Hessen

          CO2-Reduktion : Die Klimawahl

          Union und SPD verschärfen die Klimaziele. Aber um die eigentlichen Fragen drücken sie sich herum. Wo etwa sollen neue Stromleitungen entstehen und wie stark steigt der CO2-Preis?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.