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Folgen der Finanzkrise : Wie Investmentbanker den Bonusdeckel umgehen wollen

London ist weiter eines der bedeutendsten Finanzzentren der Welt. Bild: Bloomberg

Ein Gesetz soll in Europa neue Prämien-Exzesse der Banken verhindern. Die Geldhäuser ersinnen aber schon neue Zulagen für Spitzenverdiener.

          Das Wort klingt nach Mäßigung: Seit Jahresanfang gilt in der Europäischen Union ein gesetzlicher „Bonusdeckel“, der die manchmal himmelhohen variablen Erfolgsprämien in der Finanzbranche eindämmen soll. Der zum Schimpfwort gewordene „Bonusbanker“, der halsbrecherische Geschäftsrisiken eingeht, um seine Prämie zu maximieren, soll der Vergangenheit angehören. Fachleute erwarten aber nicht, dass deshalb für Investmentbanker in London, Frankfurt und anderswo magerere Zeiten anbrechen werden. Die Personalabteilungen der Banken arbeiten längst an neuen, gesetzeskonformen Zulagen zum Grundgehalt als Kompensation für die schmäleren Boni ihrer Topverdiener.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Gesetz gilt nur für Banker, deren jährliches Gesamteinkommen größer als eine halbe Million Euro ist. Es schreibt vor, dass Banken Mitarbeitern einen variablen Erfolgsbonus geben dürfen, der maximal zweieinhalbmal so hoch ist wie das fixe Grundgehalt. Die Boni sind in den vergangenen Jahren zwar gesunken. Aber für das Jahr 2012 waren die variablen Erfolgszulagen für Londoner Investmentbanker noch immer knapp viermal so hoch wie die Grundgehälter. In Frankfurt fielen sie kaum niedriger aus. Dem schiebt die EU nun einen Riegel vor.

          Deutsche Bank-Boss: Weltfremde Regel

          In der Branche ist der Frust über die Bonusgrenze groß. Er habe „überhaupt kein Verständnis“ für den Eingriff der Politiker in die Gehaltsentscheidungen der Banken, schimpfte vergangenen Sommer Jürgen Fitschen, der Ko-Vorstandschef der Deutschen Bank. Er warnte vor gravierenden Nachteilen gegenüber amerikanischen Konkurrenten im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter: Der Bonusdeckel gilt nämlich auch für Angestellte, die europäische Institute wie Deutsche Bank und Barclays etwa in New York oder Singapur beschäftigen.

          Amerikanische Rivalen wie Goldman Sachs und Morgan Stanley müssen zwar in Europa den Bonusdeckel beachten, können ihren Leuten im Rest der Welt aber großzügigere Erfolgszahlungen gewähren. Weltfremd sei die Regelung, wetterte Fitschen.

          Der britische Bankenverband schätzte im Herbst, der EU-Bonusdeckel werde global rund 35.000 Spitzenverdiener treffen. Die Regierung in London reichte aus Sorge um die Zukunft der Finanzmetropole an der Themse sogar eine Klage beim Europäischen Gerichtshof gegen das neue Gesetz ein. Das kollektive Wehklagen der Lobbyisten scheint Wirkung gezeigt zu haben: Kurz vor Weihnachten hat die Europäische Bankenaufsicht EBA das Mäßigungsgebot durch Ausnahmeregelungen aufgeweicht. Der Kreis der Banker, deren Boni gedeckelt wird, dürfte nun deutlich enger sein als bislang erwartet.

          „Funktionsbezogene Bezahlung“

          Die meisten Betroffenen müssten allerdings wohl kaum mit Einbußen rechnen, weil sie von ihren Arbeitgebern voraussichtlich entsprechende Kompensationen erhielten, sagen Experten. Britische Bankenaufseher schätzen, dass diese Ausgleichszahlungen rund 600 Millionen Euro im Jahr erreichen. „Die Einkommen werden durch den Bonusdeckel nicht sinken“, prognostiziert der Vergütungsexperte Jon Terry von der Unternehmensberatung PwC in London, die Dutzende von Großbanken über den optimalen Umgang mit der neuen Regelung berät. Die Geldhäuser arbeiten mit Hochdruck an neuen Gehaltsmodellen, die einerseits das Bonusgesetz einhalten, andererseits aber weiterhin Flexibilität bei der Entlohnung ermöglichen.

          Die Londoner Großbank Barclays hat ihren Mitarbeitern bereits ein neues Bezahl-Modell in Aussicht gestellt - es könnte nach Einschätzung von Fachleuten in der Branche Schule machen. Der britische Konzern ist neben der Deutschen Bank die führende Investmentbank mit Hauptsitz in Europa. Im November kündigte Barclays in einem internen Rundschreiben eine neue „funktionsbezogene Bezahlung“ für ihre Topleute an - eine weitere Gehaltskomponente, die künftig neben dem Grundgehalt und dem gedeckelten Bonus fließen soll, um die Einkommensverluste auszugleichen.

          Während der Bonus rückwirkend auf Basis des Geschäftserfolges eines Mitarbeiters festgelegt wird, soll die Höhe der neuen Zulage bereits zu Jahresanfang fixiert und in monatlichen Raten ausgezahlt werden. Sie gilt deshalb aufsichtsrechtlich nicht als Leistungsbonus, sondern als Teil des Fixgehalts. Allerdings wird auch die neue Sonderzulage bei Barclays wie die Bonuszahlung jährlich neu festgesetzt. Sie könnte also ebenfalls Raum bieten, um mit flexiblen Zulagen Leistungsanreize zu setzen, was der Gesetzgeber eigentlich eindämmen will.

          „Fast alle Banken arbeiten an ähnlichen Modellen“, berichtet der Gehaltsexperte Terry. „Die Grundgehälter werden zwangsläufig auf die eine oder andere Weise steigen“, sagte kürzlich auch der Europachef einer führenden Investmentbank in kleiner Runde. Öffentlich halten sich die Institute aber bisher weitgehend bedeckt. „Kein Kommentar“, lautet unisono bei Deutscher Bank und Goldman Sachs die Antwort auf die Frage, wie man mit dem Bonusdeckel umzugehen gedenke. Auch Barclays will das durchgesickerte Mitarbeiterschreiben nicht weiter kommentieren.

          Die Banken müssen einen schwierigen Balanceakt hinbekommen: Einerseits wollen sie Einkommenseinbußen für ihre besten Leute verhindern. Andererseits müssen sie unbedingt den Eindruck vermeiden, sie hebelten mit Gehaltstricksereien den Bonusdeckel aus. Schließlich ist das öffentliche Ansehen der Branche schon ramponiert genug. Den Banken sei nur allzu bewusst, dass sie wieder einmal auf vermintem Terrain unterwegs seien, glaubt Mark Cameron, Geschäftsführer des Londoner Personalberaters Astbury Marsden, der auf die Vermittlung von Mitarbeitern in der Finanzbranche spezialisiert ist: „Alle wissen, dass ,Bonus‘ in der Öffentlichkeit immer noch ein schmutziges Wort ist“, sagt der Personalmanager.

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