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Flugzeugbau : Lagardère sieht EADS in schwerer Krise

  • Aktualisiert am

Lagardère fragt: Was wußte Airbus-Chef Humbert? Bild: AP

In der Elektrik des Airbus A380 soll der Produktionsstau entstanden sein. EADS-Großaktionär und Co-Aufsichtsratschef Lagardère will auch über personelle Konsequenzen nach dem Debakel um Lieferverzögerungen diskutieren.

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          Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS befindet sich nach Ansicht des französischen Großaktionärs und Co-Aufsichtsratschefs Arnaud Lagardère in einer schweren Krise. Die Anleger würden die Verzögerungen beim neuen Großraumflugzeug der EADS-Tochter Airbus, des A380, nicht verstehen, zitierte die Zeitung „Le Monde“ Lagardère am Donnerstag.

          Er wolle nicht nach Sündenböcken suchen oder Personaländerungen durchsetzen, sagte er. Aber es müsse gefragt werden, ob Airbus-Chef Gustav Humbert von der internen Lage gewußt habe, als er die Position vor einem Jahr von Co-Chef Noel Forgeard übernommen hat. Auf die Frage, ob Lagardère hinter Forgeard stehe, antwortete der Unternehmer, er werde das mit dem deutschen Co-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff diskutieren.

          Forgeard selber hatte am Mittwoch auf die Frage von Analysten, ob er persönlich Konsequenzen aus dem Rückschlag bei Airbus ziehe, geantwortet: „Ich denke, das ist eine Entscheidung der Anteilseigner.“ Ziel sei es, nach vorne zu blicken, ohne mit dem Finger auf Schuldige zu zeigen. EADS stürze sich nun nicht auf Änderungen des Managements, sondern nutze die Chance für eine straffere Organisation.

          Bild: FAZ.NET

          Es klemmt bei der Elektrik

          In Toulouse war zu erfahren, daß es im April erste Anzeichen für Verzögerungen gab, die dann nach und nach durchleuchtet wurden. Airbus hat nach eigenen Angaben die Komplexität und Vielfalt der Kundenspezifikationen unterschätzt. Vor allem in der Elektrik des Rumpfbereiches sei ein Produktionsstau entstanden. Engpässe gebe es „bei der Definition, Herstellung und Installation elektrischer Systeme und Kabelbäume“, hieß es in Toulouse. Das elektrische Netzwerk entspreche dem einer Kleinstadt mit 5.000 Einwohnern, sagen Fachleute. Hinzukamen technische Änderungen, die sich aus den Testflügen ergaben.

          Airbus hatte am Dienstag abend eingeräumt, daß sich der Zeitplan für erste Auslieferungen des prestigeträchtigen doppelstöckigen A380 wegen technischer Probleme mit der Elektronik um weitere sechs bis sieben Monate nach hinten verschiebt. Den Mutterkonzern EADS belastet die Verzögerung operativ in den Jahren 2007 bis 2010 mit insgesamt zwei Milliarden Euro. Die Aktie brach am Mittwoch zeitweise mehr als 30 Prozent ein, was den Konzern bis Börsenschluß gut sechs Milliarden Euro Börsenwert kostete. Am Donnerstag erholte sich die Aktie leicht und legte rund zwei Prozent auf 19,15 Euro zu.

          Analysten hinterfragen Forgeards Erbe

          Bis Forgeard vor einem Jahr Co-Chef von EADS wurde, war er Chef von Airbus. In diese Zeit fällt auch der Startschuß für den A380, der den Jumbo Jet von Boeing als größtes Passagierflugzeug ablöst und zwölf Milliarden Euro an Entwicklungskosten verschlungen hat. Analysten hinterfragen zunehmend kritisch das Erbe, das Forgeard seinem Nachfolger Humbert - dem ersten Deutschen an der Spitze von Airbus - hinterlassen hat.

          Humbert hat derzeit nicht nur mit den Verzögerungen beim A380 zu kämpfen. Auch das neueste Projekt, der A350, läuft nicht optimal. Kunden hatten die Konkurrenzfähigkeit des mittelgroßen Flugzeugs für die Langstrecke in Frage gestellt. Derzeit überarbeitet Airbus das Konzept und will bis zur Luftfahrtschau in englischen Farnborough Mitte Juli über Änderungen entscheiden.

          Differenzen zwischen Forgeard und Humbert traten auf der Luftfahrtschau im Mai in Berlin zu Tage. Humbert hatte sich über Äußerungen von Forgeard, Airbus stecke in einer „Wachstumskrise“, irritiert gezeigt. Daß Forgeard Änderungen gefordert hatte, stimmte Humbert jedoch positiv.

          Lagardère sagte der Zeitung weiter, er und Mit-Aktionär Daimler-Chrysler hätten nichts von den Problemen beim A380 gewußt, bevor sie sich zur Reduzierung ihres EADS-Anteils entschlossen hatten. Die Mediengruppe des Franzosen hat ihren Anteil in diesem Jahr auf 7,5 Prozent halbiert. Daimler-Chrysler reduzierte seinen Anteil ebenfalls um 7,5 Prozent auf rund 22 Prozent. Damit erhöhte sich der Streubesitz des im Jahr 2000 entstandenen europäischen Konzerns auf gut 42 Prozent. „Le Monde“ meldete, daß auch die EADS-Vorstandsmitglieder Forgeard, François Auque, Jean-Paul Gut sowie Jussi Itävuori Anfang März in umfangreichem Maße eigene EADS-Aktien verkauft hätten. Die beiden Co-Chefs, Forgeard und sein deutscher Kollege Tom Enders, hatten sich stets für einen höheren Streubesitz ausgesprochen und würden auch einen Rückzug der staatlichen Anteilseigner begrüßen. Frankreich hält 15 Prozent und Spanien fünf Prozent an EADS.

          BAE-Systems irritiert

          Der Airbus-Mitgesellschafter BAE Systems reagierte irritiert auf den jüngsten Kurssturz bei EADS. Der drastische Verfall des Börsenwertes beim Mutterkonzern des europäischen Flugzeugherstellers dürfe zu keinen Abstrichen bei der Bewertung des Airbus-Anteils führen, heißt es beim britischen Rüstungskonzern. BAE Systems, der 20 Prozent an Airbus hält, ist seit Wochen um einen Ausstieg bemüht und steht in Verhandlungen mit der EADS, die die restlichen Anteile hält. Beide Parteien liegen bei der Bewertung des Airbus-Pakets noch weit auseinander.

          Air China kauft 24 Maschinen vom Typ A320

          Eine gute Nachricht gab es dennoch am Donnerstag: Die chinesische Fluglinie Air China willigte in den Kauf von 24 Maschinen des Mittelstrecken-Typs A320 ein, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte.

          Die bestellten Flugzeuge haben einen Listenpreis von 1,74 Milliarden Dollar. Air China seien jedoch „signifikante Preiskonzessionen“ eingeräumt worden, hieß es. Das Geschäft habe nun ein Volumen von umgerechnet 1,4 Milliarden Euro. Die Flugzeuge sollen zwischen 2007 und 2010 ausgeliefert werden. Airbus will in der Volksrepublik dem Konkurrenten Boeing Marktanteile abjagen. Derzeit haben die Europäer dort nur einen Anteil von einem Drittel, während Boeing auf etwa 60 Prozent kommt. Auf dem rasch wachsenden chinesischen Markt strebt Airbus einen Anteil von 50 Prozent an.

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