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Flugverbote : Nachtschwärmer wollen nicht ruhen

50 Flüge pro Nacht: Der Frankfurter Flughafen Bild: dpa

40 Prozent der deutschen Exporte - gemessen am Warenwert - gelangen per Flugzeug in alle Welt. Logistiker und Fluggesellschaften sehen durch strengere Nachtflugregeln Tausende Arbeitsplätze in Gefahr. Sie fordern verlässliche Regeln.

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          Die letzten Reisenden des Tages fliegen nach Rio de Janeiro, Johannesburg oder Sydney. Nachdem sie die Kontrollen passiert haben, sind die den Terminals des Frankfurter Flughafens menschenleer. Auf der anderen Seite des Rollfelds, das in der Nacht wie ein gigantischer Teppich aus roten, grünen und gelben Lämpchen den Boden bedeckt, kann dagegen von Ruhe keine Rede sein. Gabelstapler rasen durch Hallen und hieven Kisten auf Ladepaletten.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Logistik schläft nicht. Deshalb fürchten ihre Verantwortlichen, dass die Branche durch strengere Nachtflugregeln große Probleme bekommt. Im Rahmen der Initiative „Die Fracht braucht die Nacht“ fordern sie nun von der Bundesregierung eine neue Regelung zu nächtlichen Betriebseinschränkungen. Aus ihrer Sicht ist die geltende Rechtsgrundlage nicht mehr verlässlich genug.

          Paragraf 29b des Luftverkehrsgesetzes schreibt vor: „Auf die Nachtruhe der Bevölkerung ist in besonderem Maße Rücksicht zu nehmen.“ Daran hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Verändert hat sich aber durch eine Vielzahl von Klagen und Urteilen, wie die Rücksichtnahme konkret aussehen muss. Auf 13 der 17 größeren deutschen Flughäfen gelten mittlerweile Beschränkungen bis hin zum Flugverbot. Wenn in Frankfurt im kommenden Herbst die neue Landebahn in Betrieb geht, sind nachts noch 17 Starts oder Landungen erlaubt – sofern das Bundesverwaltungsgericht diesen Plan bestätigt. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Richter noch schärfere Beschränkungen verlangen. Die Branche sieht in Deutschland ihre Wettbewerbsfähigkeit bedroht, denn in Amsterdam oder Paris haben Frachtflieger rund um die Uhr freie Bahn.

          Rund um die Uhr: Die Logistiker brauchen keine Pause

          „Die Industrie ist so getaktet, dass sie ihre Produkte am Nachmittag auf den Weg bringt; am nächsten Morgen werden sie in anderen Ländern weiter verarbeitet“, sagt Thorsten Hölser, Geschäftsführer des Speditions- und Logistikverbands für Hessen und Rheinland-Pfalz. Jedes dritte seiner 400 Mitgliedsunternehmen sitzt am Frankfurter Flughafen oder in der näheren Umgebung. In ganz Deutschland hängen nach Angaben der Logistikinitiative 84 000 Stellen von Nachtflügen ab – Tausende von ihnen sind bedroht, wenn Auftraggeber auf ausländische Flughäfen ohne Nachtflugverbote ausweichen. Jobs oder gesunde Nachtruhe für die Bevölkerung – das ist die schwierige Abwägung, die an Flughäfen vorgenommen werden muss.

          Der Platz wird knapp

          30 Arbeitsplätze bietet die Gesellschaft Nightexpress, die neben der größeren Lufthansa Cargo Nachttransporte ab Frankfurt anbietet. Bis zu drei Maschinen lässt das Unternehmen jeden Abend abheben, die letzte gegen 23.30 Uhr nach Birmingham. Es ist ein kleines, aber schnelles Geschäft. „Viele Bestellungen für Ladeplatz kommen erst wenige Stunden vor dem Abflug“, sagt Geschäftsführerin Yvonne Boag. Oft meldeten Kunden erst um 20.30 Uhr, wie viele Kilogramm oder Tonnen Fracht sie noch am Abend anliefern: Röntgengeräte, die am nächsten Morgen defekte Apparate in Krankenhäusern ersetzen müssen; oder Autoteile, die einem Hersteller in einem Werk fehlen.

          Mit größeren Gewichten rangiert Günther Wedel, Betriebsleiter der LUG, einer der größten von 15 Cargo-Dienstleistern in Frankfurt. „Wir palettieren die Fracht und stellen sie passend für die Flieger zusammen“, erklärt er in Kurzform sein Geschäft. Weil Spediteure nicht bis auf das Rollfeld fahren dürfen, liefern sie ihre Güter an der LUG-Halle ab. Das Unternehmen packt die Waren von verschiedenen Absendern auf Transportuntersätze, die an die Fluggesellschaften übergeben werden. 240.000 Tonnen Fracht werden jedes Jahr durch die 20.000 Quadratmeter große Halle geschleust. Mittlerweile wird der Platz knapp. Die LUG baut an und erweitert ihre Fläche um 50 Prozent.

          Die Folgen sind absehbar

          Gemessen am Warenwert gelangen etwa 40 Prozent der deutschen Exporte per Flugzeug in andere Länder. Die Aussichten, dass die Transportmenge wächst, sind gut. Schlecht sieht es nur für zusätzliche Abflüge aus. Der Eindruck, dass künftig mehr Maschinen in der Dunkelheit lärmend über Wohngebieten aufsteigen, sei falsch, sagt ein Sprecher von Lufthansa Cargo. Aktuell dürfen auch Passagierflieger mit Ausnahmegenehmigung nachts gen Mallorca starten – bis zu 50 Flugbewegungen sind möglich. „Wir bekommen einen Einschnitt um mehr als 60 Prozent“, sagt Haupt mit Blick auf die vorgesehenen 17 Starts in den Nachtstunden zwischen 23 und 5 Uhr.

          Die Folgen sind absehbar: Frachtflieger versuchen, in die Stunden vor und nach der Ruhephase auszuweichen. Dort kommen sie mit Passagierfluggesellschaften ins Gehege, die späte Startzeiten nutzen, um Interkontinentalstrecken im Nachtsprung zu bedienen. Obwohl in Frankfurt nach dem Ausbau bis zu 126 Starts und Landungen pro Stunde möglich sind, soll für die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr insgesamt eine Obergrenze von 150 Flugbewegungen gelten. Das Pokern um die Startrechte am Abend hat schon begonnen.

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