https://www.faz.net/-gqe-8k2m4

Flüchtlingsstudie : Schickt Frauen und Männer getrennt zum Sprachkurs!

Sprachkurs nur für Frauen? Herbert Brücker findet das eine gute Idee. Bild: F.A.Z. - Foto Frank Roeth

Wer kommt nach Deutschland? Eine erste qualitative Flüchtlingsstudie gibt jetzt Antworten und liefert Hinweise darauf, was Deutschland für die Integration tun kann: Fünf Vorschläge.

          4 Min.

          Sie bringen höchst unterschiedliche Bildung mit, sind meist hoch motiviert, aber oft schlecht informiert. Das sind nur einige der hochinteressanten Befunde der ersten qualitativen Studie über Flüchtlinge in Deutschland.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Die Studie stammt von einigen der wichtigsten Forscher in Sachen Flüchtlinge, Arbeitsmarkt und Gesellschaft: Zusammen arbeiteten das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit der großen Gesellschafts-Umfrage „Sozio-ökonomisches Panel“ (FAZ.NET berichtete). Zwar gingen in die Studie anfangs nur die Antworten von 123 Flüchtlingen ein, doch die wurden umso ausführlicher befragt – und die Studie ist der erste Hinweis darauf, was für Leute da nach Deutschland gekommen sind.

          Was folgt aus diesen Ergebnissen für die Praxis? Der Migrationsforscher Herbert Brücker vom IAB, einer der Studienautoren, hat im Gespräch mit FAZ.NET fünf wichtige Lektionen für die Zukunft aus den Studienergebnissen abgeleitet.

          Asylverfahren müssen schneller werden

          „Schnellere und transparentere Asylverfahren bleiben ein Schlüssel zu einer besseren Arbeitsmarktintegration“, sagt er. „Doch das ist leichter gesagt als getan.“ Lange Verfahren führten zu Unsicherheit auf beiden Seiten – bei den Arbeitgebern und bei den Geflüchteten selbst. „Das ist nicht gerade aktivitätsfördernd“, so drückt es Brücker aus. Von Samstag an wird die so genannte „Vorrangprüfung“ zeitweise ausgesetzt. Wenn ein Flüchtling eine Stelle annehmen will, muss zwar nun die Bundesagentur nicht mehr prüfen, ob auch ein EU-Bewerber infrage gekommen wäre. Das allerdings helfe nur zum Teil, findet Brücker: „Trotzdem bleibt Unsicherheit bei Arbeitgebern wie Flüchtlingen.“ Flüchtlinge wissen nicht, ob sie überhaupt eine Stelle suchen sollen, Arbeitgeber wissen nicht, ob sie einen Flüchtling einstellen sollen, der vielleicht bald wieder abgeschoben wird.

          Flüchtlinge brauchen mehr Informationen

          Außerdem hat die Studie gezeigt: Es gibt große Informationsprobleme. „Das Asylverfahren ist für viele eine Black Box“, sagt Brücker. Betroffene könnten sich zum Beispiel oft nicht erklären, warum bestimmte Verfahren schneller gehen als ihre eigenen. Sie würden in Unsicherheit darüber gehalten, dass leichte Fälle zuerst und schwierigere später behandelt werden. „Derzeit steigt sogar die Dauer zwischen Registrierung und Gewährung eines Asylstatus, weil im Moment nicht mehr so viele neue Flüchtlinge ins Land kommen und nun zunehmend die schwierigeren Fälle an der Reihe sind.“ Die durchschnittliche Wartezeit betrage momentan 7,8 Monate, Tendenz steigend. Eigentlich, so findet Brücker, müsste die Transparenz über die Verfahren erhöht werden. „Im Idealfall müssten Asylsuchende den Stand ihrer Verfahren im Internet abrufen können.“ Doch das sei für das Migrationsamt BAMF noch Zukunftsmusik und nur schrittweise umzusetzen. Derzeit würden dort überhaupt erst die Akten von Papier auf Elektronik umgestellt.

          Generell sei es wünschenswert – auch jenseits der Infos über die Asylverfahren – die Internetaffinität vieler Flüchtlinge noch mehr zu nutzen. „Viele sind Digital Natives“, sagt Brücker. „Es bräuchte für sie noch viel mehr gute Onlineangebote, etwa zu regionalen Arbeitsmärkten oder zur Bewältigung bürokratischer Hürden.“

          Sprachkurse müssen früher anfangen

          Eine weitere Lehre, die das IAB aus der Studie zieht: „Bei den Sprach- und Integrationskursen ist sehr viel Zeit verloren worden“, sagt Brücker. Viele Betroffene hätten zu lange auf die Angebote warten müssen. „In Zukunft wird es wichtig sein, sie deutlich arbeitsmarktnäher zu gestalten.“ Kurse hätten auch immer so genannte „Lock-in-Effekte“. So nennen Ökonomen das Phänomen, dass Menschen erst einmal in einer Maßnahme gebunden sind und in dieser Zeit keine reguläre Arbeit aufnehmen können. „Wir brauchen Teilzeit-Sprach- und Integrationskurse, mehr Angebote am Wochenende, generell: Eine noch bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Spracherwerb.“

          Unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Flüchtlinge

          Dabei sei es auch wichtig, noch stärker auf das Phänomen einzugehen, dass der Bildungsstand der Flüchtlinge so unterschiedlich ist. Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan oder auch Eritrea befinden sich oft schon in zweiter Generation auf der Flucht und haben daher häufig große Lücken in der Bildungsbiographie. Syrer hingegen zeichnen sich öfter durch eine gute Allgemeinbildung aus, wie die Studie von Brücker und seinen Kollegen nahelegt. Es müsse daher weniger Angebote für alle und mehr Maßgeschneidertes für bestimmte Gruppen geben. „In der deutschen Öffentlichkeit ist der Glaube verbreitet, dass jeder eine Ausbildung machen und Facharbeiter im Blaumann werden muss“, sagt Brücker. Die Realität sei aber, dass manche Ältere mit niedrigem Bildungsstand gar nicht mehr daran glaubten, das schaffen zu können. Ihre Bildungshoffnungen hegten sie hauptsächlich für ihre Kinder. „Es ist ok, wenn diese Menschen dann in ungelernten Positionen etwa in der Gastronomie oder im Einzelhandel unterkommen“, sagt Brücker. „Gleichzeitig brauchen wir aber am anderen Ende des Spektrums ausreichend Angebote der Hochschulen.“

          Auch die Arbeitgeber seien gefragt: Nicht jeder Flüchtling sei für den gleichen Arbeitsplatz geeignet. „Auch Arbeitgeber müssen sich stärker mit der Heterogenität der Flüchtlinge auseinandersetzen“, sagt Brücker. „Es geht darum, mehr darauf zu gucken, was die Leute tatsächlich können - und weniger darauf, welche Zertifikate sie haben.“

          Männer und Frauen trennen

          Nicht zuletzt empfiehlt Brücker, Männer und Frauen in Integrations- und Sprachkursen stärker zu trennen. „Denn wir haben in der Studie gesehen: Beide Geschlechter sind etwa gleich motiviert eine Arbeit aufzunehmen. Gleichzeitig sind die Rollenbilder oft noch eher traditionell. Wir hatten sogar etliche Männer, die gemeinsam mit der Ehefrau zum Interview kamen und dann für sie antworteten: Ja, meine Frau will arbeiten.“ Brücker glaubt, dass in getrennten Kursen stärker auf die Belange der Frauen eingegangen werden könnte - auch auf die Frage, wie sie Beruf und Familie gut vereinbaren können. „Es ist ein bisschen wie bei den Mädchenschulen. Dort sind die Leistungen der Mädchen in Mathe und Naturwissenschaften auch besser als anderswo.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kamala Harris : So flexibel wie sie war Biden nie

          Kamala Harris ist politisch erfahren, aber noch nicht zu alt. Und sie steht, anders als Trump es suggeriert, gar nicht sehr weit links. Alles gut also mit Bidens Vize? Abwarten. Denn sie ist eine sehr wendige Politikerin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.