https://www.faz.net/-gqe-8axpz

Auswertung der Arbeitsagentur : Wohin die Flüchtlinge in Deutschland ziehen

Quo vadis? Flüchtlinge auf dem Weg zu einer Notunterkunft Bild: dpa

Die in Deutschland angekommenen Flüchtlinge lassen sich in nur wenigen Kommunen und Städten nieder, wobei ihr Herkunftsland eine große Rolle spielt. Selten bleiben sie in dem Bundesland, das sie als erstes aufgenommen hat. 

          3 Min.

          Die Lasten der Flüchtlingswelle sind extrem unterschiedlich über die deutschen Kommunen verteilt. Rund die Hälfte der Asylsuchenden leben aktuellen Daten zufolge in gerade mal 33 Kreisen – von insgesamt 402. Dabei üben je nach Herkunftsland bestimmte Regionen eine besonders große Anziehungskraft aus, wie aus den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht. Demnach hat sich zum Beispiel jeder fünfte Afghane in Hamburg niedergelassen. Dort ist der Anteil mit 35 Afghanen je 10.000 Einwohner auch am höchsten. Dahinter folgt das hessische Offenbach mit 25. Pakistaner sind vor allem im Rhein-Main-Gebiet überproportional vertreten, gemessen an der Einwohnerzahl am häufigsten im Kreis Groß-Gerau.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Insgesamt konzentriert sich die Verteilung der Gebiete mit den höchsten Anteilen auf die großen Städte sowie einige Kreise in West- und Norddeutschland. Der ländliche Raum in Süddeutschland ist dagegen kaum betroffen.

          Syrer ziehen in andere Städte als Afghanen – unsere Karten zeigen, wer wohin zieht. Bilderstrecke
          Flüchtlingsverteilung : Wo ziehen die meisten Syrer und Afghanen hin?

          Zwar kommen die meisten Flüchtlinge in Bayern an, aber nur vergleichsweise wenige lassen sich dort nieder. Ähnlich sieht es im Osten aus, wo es neben Berlin und dem Raum Leipzig-Erfurt nur wenige Ausnahmen gibt. Unter Migrationsforschern gelten Netzwerke – sowohl familiäre wie ethnische – als entscheidende Größe für die Frage, wo sich Zuwanderer ansiedeln und warum Migrationspolitik ihre Ziele oft verfehlt.

          Für die Statistik hat die Arbeitsagentur die Daten von rund 215.000 erwerbsfähigen Personen aus den acht größten nichteuropäischen Herkunftsländern von Asylbewerbern ausgewertet: Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Diese Personen sind entweder bei Arbeitsagenturen oder Jobcentern gemeldet. Es gilt die grobe Regel: Bis zum Entscheid des Asylantrags werden Flüchtlinge von den Arbeitsagenturen betreut (ohne Bezug von Arbeitslosengeld), bei einem positiven Ausgang übernimmt das Jobcenter die Vermittlung in den Arbeitsmarkt und die Auszahlung von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) für die gesamte Familie.

          Nicht erfasst werden demnach Personen, die nirgendwo gemeldet sind. Nach internen Schätzungen der Behörden fehlt von fast 300.000 Flüchtlingen seit der Einreise jede Spur. Zudem wird geschätzt, dass sich fast zwei Drittel der Asylbewerber von außerhalb Europas im Hartz-IV-System befinden.

          Die Arbeitsagentur wird von Mitte kommenden Jahres an in ihren monatlichen Statistiken erstmals auch gesonderte Daten über Flüchtlinge und Asylbewerber aufführen. Der Vorstandsvorsitzende Frank-Jürgen Weise widersprach jedoch der Interpretation, dass damit die Bilanz geschönt werden solle. „Es wird nichts herausgerechnet“, sagte er gegenüber dieser Zeitung. „Flüchtlinge“ würden als eine von vielen verschiedenen Untergruppen aufgeführt, wie es sie heute schon gibt.

          Reine Sachargumente

          Zum Beispiel werden ältere und jüngere Arbeitslose gesondert aufgeführt, Frauen und Männer, Langzeitarbeitslose sowie Ausländer insgesamt. Natürlich werde die zentrale Zahl der Arbeitslosen auch die Flüchtlinge beinhalten. Hintergrund der Debatte ist, dass nach der offiziellen Prognose bei andauernd guter Konjunktur die Arbeitslosigkeit eigentlich auch 2016 weiter sinken würde. Weil aber Hunderttausende Asylbewerber nach ihrer Anerkennung erstmals in der Bilanz auftauchen, wird ein Anstieg im Jahresdurchschnitt um 70.000 erwartet.

          Nach dem anfänglichen Optimismus vieler Vertreter aus Politik und Wirtschaft ist mittlerweile Ernüchterung eingekehrt, was die Vermittlung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt angeht. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) korrigierte kürzlich ihre Einschätzung, wonach die Flüchtlinge die „Fachkräfte von morgen“ seien – man müsse „eher von übermorgen sprechen“. In Modellprojekten konnte jeder zehnte Flüchtling in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden. Diese Quote dürfe aber nicht für das Land hochgerechnet werden, warnt die Agentur.

          Neuhaus am Inn : Flüchtlingsstrom an deutsch-österreichischer Grenze nimmt ab

          Weise widersprach auch ausdrücklich Spekulationen, die Änderung sei auf Druck seitens der Politik erfolgt. Es sei eine Entscheidung der Arbeitsagentur gewesen, die auf reinen Sachargumenten basiert. „Wir wollen schließlich den Arbeitsmarkt mit allen Effekten berichten und brauchen diese Transparenz, um mit den Menschen arbeiten zu können.“

          Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle veröffentlichte am Donnerstag eine Prognose, wonach die Nettozuwanderung nach Ostdeutschland (einschließlich Berlin) im Jahr 2015 rund 170.000 Personen beträgt. Davon entfielen etwa 70 Prozent auf die klassischen Asylherkunftsstaaten. „Die Beschäftigungsaussichten vieler Zuwanderer vor allem aus den Asylherkunftsländern sind zumindest kurzfristig eingetrübt, insbesondere bei unzureichenden Sprachkenntnissen und geringer beruflicher Qualifikation“, schreiben die Wissenschaftler. Zu erwarten sei deshalb, dass viele Zuwanderer aus diesen Ländern zunächst arbeitslos sein werden. Es bestünden allerdings durchaus Chancen, die demographischen Probleme Ostdeutschlands zu mildern, wenn die Integration der Zuwanderer in Arbeitsmarkt und Gesellschaft gelinge.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Große Ziele, doch was steckt dahinter? EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen bei einer Rede zum Brexit am 24. Dezember 2020

          Krisenmanagement : Europa ist nicht gut genug

          Europa muss sich selbst so schnell wie möglich besser in Form bringen. Ob bei Impfungen oder dem Europäischen Wiederaufbaufonds – nirgendwo sehen die Europäische Kommission und die nationalen Regierungen derzeit richtig gut aus.
           Ein Schild weist am 20.10.2008 darauf hin, dass Fußgänger links eine Treppe und Rollstuhlfahrer rechts eine Auffahrt benutzen können.

          Zusammenhalt in Corona-Zeiten : Die Schere geht auseinander

          Die Corona-Pandemie geht an keiner Familie spurlos vorüber. Für Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf wird Teilhabe noch schwieriger zu erreichen. Viele Angebote wurden zurückgefahren. Ein Gastbeitrag.
          Abendrot über Windenergieanlagen im Windpark «Odervorland» im Landkreis Oder-Spree.

          Energiewende in Europa : Erstmals mehr Ökostrom als fossiler in der EU

          Europa steigt gleichzeitig aus Kohle, Atomkraft und Mineralöl aus. Das müssen erneuerbare Energien auffangen. Im vergangenen Jahr wurde die Stromversorgung erstmals mehr aus erneuerbaren als aus fossilen Quellen gewonnen.

          Quarterback Tom Brady : Der Super-Bowl-Macher

          Tom Brady, der älteste aktive Spieler der NFL, führt Tampa Bay ins Finale. Für die Buccaneers ist es das erste seit 2003 – für den überragenden Quarterback schon das zehnte. Wie hat er das geschafft?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.