https://www.faz.net/-gqe-8kzqj

Flüchtlinge : Kein Wunder ohne Arbeit

Sind die Flüchtlinge die Antwort auf den Fachkräftemangel? Damit die Wirtschaft mehr von ihnen einstellt, braucht es viel Zeit, Geduld und Geld. Aber selbst damit es ist nicht getan.

          3 Min.

          Vor einem Jahr nahm die Zuwanderung von Flüchtlingen aus dem vom Krieg gezeichneten Syrien und dem arabischen Raum nach Deutschland neue Ausmaße an. Seitdem ist in der Öffentlichkeit der begeisterte Unterton aus jenen Tagen sukzessive einer neuen Sachlichkeit gewichen. Und die Willkommenskultur in der Bevölkerung hat Platz gemacht für einen nüchternen Blick auf die Dimension der Aufgabe, welche die Integration von mehr als einer Million Flüchtlingen darstellt. Auch in der Wirtschaft werden nun moderate Töne angeschlagen. Aus gutem Grund.

          Denn vor einem Jahr noch klang das zum Teil ganz anders. Exponierte Wirtschaftsvertreter wie Daimler-Chef Dieter Zetsche oder der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, sahen in den Flüchtlingen die Basis für ein neues „Wirtschaftswunder“. Bisweilen entstand der Eindruck, es zögen ausschließlich Ärzte, Ingenieure und andere Akademiker über die Balkan-Route. Von der Antwort auf den Fachkräftemangel war mancherorts schon die Rede.

          Mit dieser starken Metapher aber wurden unerfüllbare Erwartungen geweckt. Denn ein „Wunder“ beschreibt ein Ereignis, dessen Zustandekommen sich nicht erklären lässt. Es geschieht von allein. Heute aber weiß man: Von allein passiert bei der wirtschaftlichen Integration der Flüchtlinge nichts. Denn das Gros der Asylbewerber besteht eben nicht aus mehrsprachigen Hochschulabsolventen, sondern aus Menschen ohne Ausbildung und/oder qualifizierten Schulabschluss. In vielen Fällen gibt es keine Dokumente, basiert der Lebenslauf auf mündlichen Angaben. Das größte Manko sind fehlende Deutschkenntnisse. Es grenzte also eher an ein Wunder, würden anerkannte Asylbewerber auf Anhieb den Sprung in eine Beschäftigung schaffen in einem hochentwickelten Industrieland, das mitten im digitalen Umbruch steckt.

          Häufig Tatigkeiten für Geringqualifizierte

          Dementsprechend nüchtern fällt die Bilanz heute aus. Zum Jahresende dürften rund 350.000 Flüchtlinge zusätzlich in der Arbeitslosenstatistik auftauchen. Der Anstieg wird absehbar weitergehen, je schneller die angestauten Asylanträge bearbeitet werden. Auf der anderen Seite findet derzeit nur rund jeder zehnte arbeitslose Flüchtling eine Stelle. Häufig sind es Tätigkeiten für Geringqualifizierte. Für Empörung in der Politik sorgte das Ergebnis einer Umfrage dieser Zeitung aus dem Frühsommer, wonach alle 30 Dax-Konzerne zusammen bei weitem keine hundert Flüchtlinge eingestellt hatten. Die Wirtschaft müsse endlich mehr Flüchtlinge einstellen, hieß es aus Berlin. Zuletzt musste das Innenministerium allerdings mitteilen, dass die Bundesbehörden gerade mal auf fünf eingestellte Flüchtlinge kommen. Ein Wunder sind auch diese Zahlen nicht. Denn wenn Konzerne oder Verwaltungen (hoch-)qualifizierte Fachkräfte suchen, scheiden Flüchtlinge in der Regel als Bewerber noch aus. Im Wettbewerb stehende Unternehmen sind keine Sozialeinrichtungen. Sie stellen Personal nur ein, wenn es sich rechnet.

          Deshalb erweisen sich auch Berechnungen von damals, wonach sich Flüchtlinge schon nach einigen Jahren für eine Volkswirtschaft rechnen, aus heutiger Sicht als viel zu optimistisch. Viele Ökonomen beurteilen die Lage heute eher wie Ifo-Präsident Clemens Fuest, für den die Mehrheit der Flüchtlinge auf absehbare Zeit Nettotransferempfänger bleibt. Ein zweites Wirtschaftswunder wird es aus seiner Sicht nicht geben, da Flüchtlinge durch hohe Investitionen erst auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden müssen. Dahinter steckt viel harte Arbeit.

          Doch, und das die ist die gute Nachricht, es gibt vielversprechende Ansätze im ganzen Land. Etwa in Bayern, dass sonst für seine Töne in Flüchtlingsfragen gern gescholten wird. Als Endstation der Balkan-Route hat man im Südosten das Ausmaß der Entwicklung schon früh erkannt. Noch bevor sich der ganz große Marsch in Gang gesetzt hatte, starteten die Landesregierung, Arbeitsagentur und Wirtschaft ein gemeinsames Programm. Das Ziel von 20 000 Integrationen in Arbeit oder Ausbildung bis Ende dieses Jahres wird wohl übertroffen.

          Keine einfachen Lösungen

          Solches Engagement, wenn auch mit deutlich kleineren Fallzahlen, ist vom Boden- bis zur Ostsee vielerorts vorhanden. Sei es der Elektromeister, der mangels einheimischer Bewerber es nun mit einem jungen Flüchtling als Azubi versucht, sei es der exportorientierte Metallbauer, der seine Lehrwerkstatt für Einstiegsqualifizierungen bereitstellt. Es gibt gerade in dieser Frage keine einfachen Lösungen. Weil so viele Akteure gefragt sind, wenn es um Sprach- und Kompetenzerwerb geht, spielen lokale und regionale Netzwerke eine entscheidende Rolle.

          Wenn die Bundeskanzlerin sich Mitte September mit Unternehmensvertretern trifft, kann sie viel über deren Erfahrungen an der Basis erfahren und darüber, wo es noch hakt. Zum Beispiel, dass für einen raschen Spracherwerb von Migranten oftmals nicht genügend Sprachkurse und Deutschlehrer vorhanden sind. Oder dass die noch vorhandenen Einschränkungen für die Zeitarbeit dem Erfolg im Weg stehen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und die Bewerber dem Stellenprofil entsprechen, wird die Wirtschaft auch Flüchtlinge einstellen. Daran muss gearbeitet werden. Wunder braucht es dafür nicht.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Symbol der Türkei, weißer Halbmond und Stern auf rotem Untergrund.

          Syrien-Konflikt : Gut so, Wolfsburg!

          In der Türkei können VW und andere auch später noch Werke bauen – aber erst, wenn dort wieder Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Friedfertigkeit gelten.
          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.