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Rentenexperte Börsch-Supan : „Langfristig helfen die Flüchtlinge uns“

Flüchtlinge können die gesamten Kosten für die Mütterrente und für die Rente mit 63 wieder ausgleichen, sagt Axel Börsch-Supan. Im Bild ein Ausbilder und ein syrischer Mitarbeiter in einem Metallbetrieb. Bild: dpa

Migranten können für unser Rentensystem eine Chance sein, sagt der Ökonom Axel Börsch-Supan: Wenn wir etwas dafür tun. Auch ein Einwanderungsgesetz wäre hilfreich.

          6 Min.

          Herr Börsch-Supan, seit dem Jahreswechsel ist die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen ins Negative gekippt. Waren wir anfangs zu euphorisch?

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das waren schreckliche Ereignisse in der Kölner Silvesternacht – und ein Vorbote dessen, was schiefgehen kann. Aber sie sind kein Anlass für allgemeinen Pessimismus. Egal, wie es mit der Einwanderung weitergeht: Es werden mit Sicherheit mehrere hunderttausend Flüchtlinge im Land bleiben. Wenn wir ihre Integrationschancen schlechtreden, schaden wir uns am Ende selbst. Ich fürchte, dass aus der negativen Stimmung eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wird. Integration ist nicht nur eine technokratische, sondern auch eine massenpsychologische Aufgabe. Und es stimmt einfach nicht, dass alles bergab geht. Was wir über die Eingliederungschancen gerade der syrischen Flüchtlinge wissen, ist zum Teil sehr negativ, zum Teil aber auch sehr positiv. Wir dürfen nicht alle Menschen über einen Kamm scheren.

          Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hat nur jeder zehnte Flüchtling einen Berufsabschluss, den er in Deutschland unmittelbar nutzen kann.

          Qualifikation bemisst sich doch nicht danach, ob jemand ein TÜV-geprüftes Zertifikat hat oder die Brötchen genau nach deutscher Art backen kann! Sondern danach, was jemand im Kopf hat und über welche emotionalen Fähigkeiten er verfügt: Welche psychische Widerstandsfähigkeit hat er, wie durchsetzungsfähig ist er? Das sind die Eigenschaften, die über den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt entscheiden. Einiges deutet darauf hin, dass die Syrer besser damit ausgestattet sind als andere Einwanderergruppen, zum Beispiel aus Nordafrika.

          Woher wollen Sie das denn wissen, wenn es für die Eingliederung der Flüchtlinge kaum historische Parallelen gibt?

          Die gibt es sehr wohl. Wie so etwas scheitern kann, wissen wir aus der Integration der neuen Bundesländer. Da haben wir gesagt: Die Leute sind perfekt qualifiziert, es gibt viele Ingenieure. Auf dem Papier war das ideal. In der Praxis haben wir gesehen, dass ihnen wichtige Eigenschaften fehlten: Unternehmergeist, der Umgang mit dem kapitalistischen System. Ähnliche Fehlvorstellungen bestehen bei den Flüchtlingen, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Wir wissen bisher auch zu wenig über sie. Dadurch existieren sowohl positive als auch negative Vorurteile. Beide sind schädlich.

          Wovon hängt es ab, ob die Integration am Ende gelingt?

          Auch von uns selbst. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen: Kurzfristig kosten uns die Flüchtlinge viel Geld, langfristig werden sie uns etwas einbringen. Es liegt in unserer Hand, die Gesamtbilanz ins Positive zu drehen. Wir haben zum Teil eine vollkommen unsinnige Gesetzgebung, die Integration verhindert. Wir erlauben den Leuten nicht mal zu arbeiten. Das verstehe ich nicht.

          Die Fristen für die Arbeitsaufnahme wurden doch deutlich gesenkt?

          Warum wurden sie nicht abgeschafft? Wieso lassen wir die Leute erst mal herumhängen? Da kommen sie auf alle möglichen Gedanken. Unter den Flüchtlingen baut sich eine Stimmung auf, die nicht positiv ist. Wenn intelligente Leute drei Monate lang nur herumhängen, dann ist das schon mal schlecht.

          Drei Monate brauchen die meisten sowieso, um sich erst mal zu orientieren.

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