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Finanzplatz München : Das Ende der bayerischen Großmannssucht

Nicht mehr der Brüller: bayerischer Löwe vor Landesbank Bild: Andreas Müller

Laptop und Lederhose: Bayern war lange das Vorbild. Doch jetzt: Bayern LB, Siemens, Hypo Real Estate: In nur wenigen Monaten haben es diese drei Adressen aus ganz unterschiedlichen Gründen geschafft, zum Krisensymptom der Landeshauptstadt zu werden. Jetzt häufen sich am die Krisenfälle.

          Von der vornehmen Brienner Straße über den Wittelsbacher Platz ins noch vornehmere Lehel ist es nicht weit. Zu Fuß sind es keine zehn Minuten. Und der Weg bietet die Gelegenheit, den Blick schweifen zu lassen auf drei Verwaltungsgebäude, die vor noch gar nicht allzu langer Zeit Aushängeschilder für Münchens stolze Unternehmenslandschaft waren: Bayern LB, Siemens, Hypo Real Estate.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          In nur wenigen Monaten haben es diese drei Adressen aus ganz unterschiedlichen Gründen geschafft, zum Krisensymptom der Landeshauptstadt zu werden. Alle drei sorgten das gesamte Jahr für beispiellose Negativschlagzeilen. Bayern LB und Hypo Real Estate mussten mit Steuermilliarden vor dem Untergang gerettet werden. Und Siemens, einst von Börsianern als "Bank mit angeschlossener Elektroabteilung" respektiert, hat mit einem hausgemachten Schmiergeld-Skandal ebenfalls der Reputation des stolzen Wirtschaftsstandortes schweren Schaden zugefügt - die ähnlich gelagerte Affäre von MAN fiel dabei fast nicht mehr ins Gewicht.

          Fortschritt und Tradition im Einklang

          Der Freistaat war lange das Vorbild in Deutschland. Den rasanten Aufstieg und permanenten Umbruch des einstigen Agrarlandes packte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber gern in die griffige Formel "Laptop und Lederhose", Fortschritt und Tradition im Einklang. Erst recht galt die Landeshauptstadt München mit acht Dax-Konzernen als Hort finanz- und wirtschaftspolitischer Solidität. Über viele Jahre beherrschte zum Beispiel die Allianz von der Isar aus die Dresdner Bank in Frankfurt, stieg die neu fusionierte Hypo-Vereinsbank (HVB) zur Nummer zwei unter den deutschen Privatbanken auf oder verfolgte die Bayern LB als zweitgrößte deutsche Landesbank mit ihrer aggressiven Expansion das Ziel, die Nummer eins zu werden. Selbst dem Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate gelang nach der Abspaltung von der HVB der Dax-Aufstieg in Rekordzeit. All das diente der Staatsregierung als Beleg dafür, dass keine andere Partei über eine derartige Wirtschaftskompetenz verfüge, wie die alleinherrschende CSU.

          Der Abstieg vieler Münchner Vorzeigeadressen in nur einem Jahr stellt nun fast alles in Frage. Nach dem jüngsten Fiasko der Bayern LB, die 3,7 Milliarden Euro mit der Beteiligung an der Kärntner Landesbank Hypo Alpe Adria und Banken auf dem Balkan verloren hat, steht die Politik vor einem Scherbenhaufen. Ministerpräsident Horst Seehofer wusste bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr, dass er den Mangel verwalten würde. Schon damals war es ebenfalls die Bayern LB, die den Haushalt des Freistaats beinahe im Alleingang ruiniert hatte und eine Kapitalhilfe von 10 Milliarden Euro vom bayerischen Steuerzahler brauchte.

          Zwar haben auch andere Landesbanken wie die HSH Nordbank, die West LB und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hohe Milliardenverluste erlitten. Aber keine musste mit so vielen Steuermilliarden gestützt werden wie die Bayern LB. Und keine andere hat mit einer Übernahme im Ausland so viel Geld vernichtet.

          Manchmal ist es zu spät für Selbstkritik

          In seiner Regierungserklärung räumte CSU-Chef Seehofer Fehler ein - jedenfalls die seiner Vorgänger. "Ich habe immer in Frage gestellt", sagte er, "ob es den Aufgaben einer Landesbank entspricht, sich auf dem Balkan zu engagieren." Manchmal ist es zu spät für Selbstkritik. Der Schaden ist längst eingetreten und die vermeintliche Wirtschaftskompetenz der CSU zum Gespött der Opposition geworden. Die SPD lästert über die "Spezlwirtschaft", über die "Nieten in Nadelstreifen", Freie Wähler sehen in der "CSU-Parteibuchwirtschaft" die Ursache des ganzen Desasters.

          Längst sind die Bayern LB und die Hypo Alpe Adria zum Fall für die Staatsanwaltschaft geworden. Dem damaligen Bayern-LB-Chef Werner Schmidt wird schwere Untreue vorgeworfen, sein gerade zurückgetretener Nachfolger Michael Kemmer soll auf seine Abfindung von 1,5 Millionen Euro - vorerst - verzichten. Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) hat eine Anwaltskanzlei beauftragt, die Schadenersatzansprüche prüfen soll. Diese Suche nach Verantwortlichen erinnert an eine andere Münchner Geschichte: Auch Siemens ging juristisch gegen den früheren Konzernchef Heinrich von Pierer vor.

          Vor vier Jahren stand der Finanzplatz München schon einmal am Scheideweg, als die Hypo-Vereinsbank von der italienischen Unicredito übernommen worden ist und erhebliche Zweifel aufkamen, ob die Landesbank nicht das gleiche Schicksal ereilen könnte. Der bayerische Sparkassenpräsident Siegfried Naser schmiedete damals den Plan einer großen Südbank aus Stuttgarter LBBW und Münchner Bayern LB. Bayerns Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) fürchtete allerdings die Aufgabe der bayerischen Unabhängigkeit und verfolgte andere Überlegungen. Den Kauf der Kärntner Landesbank mitsamt ihren Beteiligungen auf dem Balkan im Mai 2007 feierte er auch aus diesem Grund als Befreiungsschlag.

          Heute nur noch Verlierer

          Als einzige Landesbank habe die Bayern LB nun ein tragfähiges Geschäftsmodell, lobten sich Politiker und Bankmanager selbst. Ministerpräsident Stoiber sprach damals von einem "guten Signal für den Banken- und Finanzplatz Bayern", Finanzminister Faltlhauser bemühte das zu solchen Anlässen oft beschworene Bild der "Win-win-Situation". Heute kennt dieses Szenario nur noch Verlierer. Um den Status des Wirtschafts- und Finanzstandortes, das dämmert inzwischen selbst der CSU, geht es nun nicht mehr. Die Landesbank ist das größte finanzielle Risiko des Freistaats. Für regionalpolitische Großmannssucht ist auch in München kein Platz mehr.

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