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Finanzminister Schäuble : „Muss ich jede Zahl im Kopf haben?“

Am kommenden Mittwoch wird Wolfgang Schäuble 71 Jahre alt Bild: dpa

Noch nie war ein Finanzminister wegen seiner Haushaltskenntnisse erfolgreich. Doch selten hat ein Politiker seine Geringschätzung gegenüber Geld so zelebriert wie Wolfgang Schäuble.

          Es ist ein Donnerstag im Juni. Wolfgang Schäuble hat sich aus seinem pompösen Finanzministerium herüberfahren lassen ins enge Pressezimmer der Kabinettskollegin Kristina Schröder. Er soll helfen, die familienpolitische Bilanz der Regierung schönzureden. Er hat keine Lust, und er ist erkältet. Solche Termine sind normalerweise nicht seine Kragenweite, aber alle vier Jahre im Wahlkampf lässt er sich dazu herab, weil er von der Politik nicht lassen und nach der Wahl wieder Minister werden will.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Schäuble rettet sich in solchen Momenten, indem er seine Unlust so wenig wie möglich verbirgt. In ein paar Tagen veröffentlichen CDU und CSU ihr Wahlprogramm, der Ruf nach einem Familiensplitting ist eine der wenigen konkreten Punkte. Aber Schäuble weiß nicht, um wie viel Geld es dabei geht. „Ich muss passen“, sagt er. Stattdessen rühmt er, die Koalition habe die Freibeträge bei der Einkommensteuer erhöht, auf 7000 Euro für Erwachsene, auf 6000 Euro für Kinder. Auch hier liegt der Minister falsch. In Wahrheit sind die Summen jeweils tausend Euro höher.

          Ist Schäuble ein Minister, der die Zahlen nicht kennt? Es ist eine der wenigen Fragen, über die er sich wirklich aufregen kann - selbst jetzt, kurz vor der Bundestagswahl, wenn er in seinem Ministerbüro einen Journalisten empfängt und die allerbeste Wahlkampflaune aufgelegt hat. „Muss ich jede Zahl in meinem Kopf gespeichert haben? Muss ich nicht. Ich habe ein ordentliches Zahlengedächtnis, und ich kann ganz gut rechnen. Aber ich darf auch mal in einer Tabelle nachschlagen.“

          Die Geschichte mit dem Sprecher

          Vor drei Jahren erlebte Schäuble wegen einer fehlenden Tabelle einen Tiefpunkt seiner politischen Karriere. Sein damaliger Sprecher hatte die Haushaltszahlen nicht rechtzeitig an die Journalisten verteilt. Der Minister lief Gefahr, persönlich die Summen referieren zu müssen. „Reden Sie nicht, sondern sorgen Sie dafür, dass die Zahlen jetzt verteilt werden“, herrschte er den Untergebenen an. Es war das Jahr, in dem er sich mit der Kanzlerin über den Eurokurs stritt, viele Wochen im Krankenhaus verbrachte und in der Koalition um ein Sparpaket rang.

          Noch nie war ein Finanzminister wegen seiner Haushaltskenntnisse erfolgreich. Schon Vorgänger Peer Steinbrück sprach lieber über das große Ganze. Sein berühmtester Auftritt, die Garantie der Sparguthaben, konnte nur funktionieren, solange niemand genau nachrechnete. Der penible Kassenwart Hans Eichel musste hingegen erleben, dass ihn der Kanzler bei Koalitionsverhandlungen kühl abblitzen ließ: „Lass gut sein, Hans.“ Aber selten hat ein Finanzminister seine Geringschätzung gegenüber dem schnöden Geld so offen zelebriert wie Schäuble.

          Am kommenden Mittwoch wird Schäuble 71 Jahre alt. Seit 41 Jahren ist er Abgeordneter, vor 29 Jahren wurde er zum ersten Mal Bundesminister. Er galt erst als möglicher Kanzler und dann als Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten. Auch auf dem Posten des Finanzministers sieht er sich als Generalisten, nicht als Experten fürs Klein-Klein. Nie war das Ressort so wichtig wie in der vergangenen Wahlperiode, wegen der Euro-Krise und weil das Außenamt unter Guido Westerwelle an Bedeutung verlor.

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