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Finanzkrise : Amerika verstaatlicht Freddie und Fannie

  • -Aktualisiert am

Stütze in der Not: Finanzminister Paulson Bild: AP

Die Regierung will die beiden Immobiliengiganten vor dem Untergang bewahren. Die Vorstände müssen gehen. Das Finanzministerium steht mit frischem Geld bereit.

          Die amerikanische Häuser- und Finanzkrise erreicht einen weiteren Höhepunkt: Freddie Mac und Fannie Mae, die angeschlagenen Immobilienfinanzierer, werden verstaatlicht. Die beiden Unternehmen werden in die Obhut der zuständigen Aufsichtsbehörde, der Federal Housing Finance Agency (FHFA), gebracht. Das Finanzministerium wird Vorzugsaktien und Anleihen der Unternehmen kaufen und ihnen gegebenenfalls zusätzlich Kredite geben. Die Vorstände von Freddie Mac und Fannie Mae werden entlassen. Das sieht ein Plan vor, der unter Führung des Finanzministeriums in Washington über das Wochenende geschmiedet und am Sonntag vorgestellt wurde.

          "Wir handeln aus Verantwortung für die Finanzmarktstabilität, einschließlich des Hypothekenmarktes, und um die Steuerzahler so gut wie möglich zu schützen", sagte Finanzminister Henry Paulson. Der Entschluss zu diesem ungewöhnlichen Schritt sei gefasst worden nachdem Fachleute des Ministerium die Bücher von Freddie Mac und Fannie Mae geprüft hätten und dabei zu der Einschätzung gelangt seien, dass die vorhandenen Kapitalreserven niedriger sind als von den beiden Unternehmen angegeben.

          Staatsgarantie soll Zweifel zerstreuen und Vertrauen bilden

          Aus eigener Kraft wären sie vermutlich nicht in der Lage, jenes neue Kapital auf den Finanzmärkten aufzutreiben, das notwendig wäre, um die hohen Verluste aus dem Hypothekengeschäft zu verkraften, heißt es in der amerikanischen Hauptstadt. Zumal unter internationalen Investoren erhebliche Zweifel aufgekommen sind, dass Freddie Mac und Fannie Mae ihre bestehenden Schulden bedienen können. Die Staatsgarantie soll diese Zweifel zerstreuen und das Vertrauen wiederherstellen. "Die beiden Firmen spielen auch eine entscheidende Rolle in dem Bemühen, die Wende auf dem Häusermarkt einzuleiten", sagte Paulson.

          Die beiden börsennotierten Gesellschaften wurden einst mit dem staatlichen Auftrag geschaffen, das private Wohneigentum in Amerika zu fördern. Sie vergeben aber nicht selbst Hypothekendarlehen, sondern kaufen diese von traditionellen Hypothekenbanken auf. Anschließend werden die Darlehen gebündelt und dienen als Sicherheit für Kapitalmarktanleihen. Auf diese Weise versetzen sie die Banken in die Lage, zusätzliche Baukredite zu einem verhältnismäßig niedrigen Zins zu vergeben. Über die Jahre sind die Gesellschaften nahezu unkontrolliert zu Riesen auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt herangewachsen. Zusammen haben sie Darlehen über rund 5,3 Billionen Dollar in ihren Büchern stehen. Das ist fast die Hälfte sämtlicher Hypothekenkredite in den Vereinigten Staaten. Die Immobilienkrise und steigende Ausfallraten bei den Darlehen haben Freddie Mac und Fannie Mae an den Rand des Ruins getrieben. In den zurückliegenden vier Quartalen haben sie Verluste von insgesamt 14 Milliarden Dollar gemeldet. Ein Bankrott hätte ungeahnte Folgen für die amerikanische Wirtschaft und die Weltwirtschaft insgesamt.

          Einen Hebel vom Kongress bekommen

          Finanzminister Henry Paulson nutzt damit gesetzliche Möglichkeiten, die ihm der Kongress erst im Sommer gegeben hat. Auf sein Dringen hin hat das Parlament die Regierung ermächtigt, Freddie Mac und Fannie Mae durch den Kauf von Aktien oder die Gewährung von Krediten vor dem Untergang zu bewahren. Die FHFA und ein von ihr eingesetztes Management, ein sogenannter "conservator" (Vormund), können die beiden Unternehmen theoretisch über lange Zeit führen, falls der Eindruck fortbesteht, dass sie ihre finanziellen Verpflichtungen sonst nicht erfüllen können. Wie es weiter heißt, sollen die Dividendenzahlungen für Vorzugsaktien ausgesetzt und die für Stammaktien ganz gestrichen werden.

          Die Nachricht aus Washington erreichte auch den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Barack Obama, der Kandidat der Demokraten, hieß die Entscheidung ebenso gut wie sein republikanischer Widersacher John McCain. Die Lage sei "sehr ernst" und rechtfertige das Einschreiten der Regierung, sagte Obama. "Die beiden sind so groß und so verwoben mit dem Häusermarkt, dass wir sicherstellen müssen, dass sie nicht kollabieren." Der Vorsitzende des Finanzausschusses im Repräsentantenhaus, Barney Frank, sagte, er werde den Plan daraufhin prüfen, wie weit die Steuerzahler geschützt sind und auch künftig bezahlbare Häuser in Amerika zu haben sind. Die Kosten, die letztlich von den Steuerzahlern zu tragen sind, lassen sich noch nicht absehen. Es könnten viele Milliarden Dollar werden.

          M ehr Z wangsvollstreckungen

          Die Zahl der Hypothekendarlehen in Amerika, bei denen die Schuldner in Zahlungsrückstand geraten sind oder gar die Zwangsvollstreckung eingeleitet worden ist, steigt weiter. Wie der Verband der amerikanischen Hypothekenbanken mitgeteilt hat, wurden im zweiten Quartal rund 9,16 Prozent aller Darlehen für Ein- bis Vierfamilienhäuser nicht vereinbarungsgemäß bedient. Das sind rund 2,6 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor und der höchste Anteil, seit der Verband vor 39 Jahren diese Statistikreihe begonnen hat. Die amerikanische Häuserkrise gilt inzwischen als die schwerste seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie nahm ihren Ausgang in einem verhältnismäßig kleinen Teil des Marktes für Hypothekendarlehen, den sogenannten „Subprime Loans“ an Schuldner mit einer nachweislich schlechten Bonität. Inzwischen geraten aber auch Darlehensnehmer mit einer besseren Kreditwürdigkeit in Schwierigkeiten, weil die Immobilienpreise fallen und die Menschen den Banken mehr Geld schulden, als ihr Haus oder ihre Wohnung wert ist. Im vergangenen Quartal wurden 5,35 Prozent der „Prime Loans“ nicht ordnungsgemäß bedient, verglichen mit 30 Prozent der „Subprime Loans“. Am schlimmsten ist nach Auskunft des Bankenverbandes die Lage in den Bundesstaaten Kalifornien und Florida. Auf sie entfallen fast 40 Prozent der Zwangsvollstreckungen.

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