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Einwanderungspolitik Amerikas : Fidel Castros langer Schatten

Freude im Exil: In Miami feiern die Leute, dass Fidel Castro gestorben ist. Bild: Reuters

Wie prägte der kubanische Führer Amerikas Immigrationspolitik? Ein Havard-Professor und Flüchtling prangert die politische Korrektheit an.

          4 Min.

          Neben der Kuba-Krise und dem Schweinebucht-Coup verbindet vor allem ein Ereignis Kuba mit den Vereinigten Staaten: die Mariel-Bootskrise. Am 20. April 1980 erklärte Kubas jüngst verstorbener Führer Fidel Castro, sämtliche Kubaner, die in die Vereinigten Staaten auszureisen wünschten, dürften über die Hafenstadt Mariel das Land verlassen. 200 Kilometer nordöstlich liegt Key West, die südlichste Stadt Floridas. Kubaner hatten zuvor gewaltsam Zugang zur peruanischen Botschaft erzwungen. Es hatte Tote gegeben. Drei Tage nach Castros Deklaration kamen die ersten Marielitos in Florida an. Bis zum 3. Juni hatten mehr als 100.000 Kubaner ihre Heimat verlassen, bis in den Spätsommer hinein stieg die Zahl auf 125.000. Viele kamen in Booten, die Exilkubaner für ihre Familienmitglieder gechartert hatten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Dieser in seiner Konzentration gewaltige Flüchtlingsstrom hatte Wirkungen, die bis in die heutige Zeit reichen. Er entzauberte Castros politisches System als sozialistische Diktatur, der viele Menschen den Rücken kehrten, sobald man sie ließ. Er veränderte Florida und vor allem Miami soziokulturell und politisch: Hispanics wurden zur größten Bevölkerungsgruppe im Dade County, zu dem die Metropole Miami gehört.

          Weil Castro zahlreiche Gewaltverbrecher mit den Flüchtlingen nach Amerika entließ, stieg zeitweise die Kriminalität im südlichen Florida. Die Polizei registrierte deutlich mehr Morde, der Hollywoodfilm Scarface über blutrünstige kubanische Drogen-Mafiosi griff die Zustände auf. Doch die Kriminalitätswelle ebbte ab, nachdem zentrale Figuren der kubanischen Mafia festgesetzt werden konnten.

          Ökonom: Zwei Drittel der Marielitos Schulabbrecher

          Größte Wirkung hatte der Flüchtlingsstrom auf den Arbeitsmarkt von Miami. Die Anzahl der Arbeitskräfte des Großraums Miami stieg binnen weniger Wochen um acht Prozent. Sie durften nach amerikanischem Recht sofort arbeiten. Wie würde die Stadt den Ansturm bewältigen? Welche Auswirkungen hatte der Zustrom auf das Lohnniveau der Leute, die schon länger in Miami lebten? Das waren Fragen, welche die Arbeitsmarktexperten der Vereinigten Staaten, darunter den bekannten kalifornischen Ökonomen David Card, beschäftigten. Er veröffentlichte 1990 einen Aufsatz mit größter Wirkung auf die Wirtschaftswissenschaft und die Politik.

          Nach Cards Berechnungen waren zwei Drittel der Marielitos Schulabbrecher. Sie erhöhten damit den Anteil der Schulabbrecher am Arbeitskräfte-Angebot auf 20 Prozent. Der Ökonom kam zum Ergebnis, dass trotz des Angebotsschocks auf dem Arbeitsmarkt – so nennen es Ökonomen, wenn auf eine Schlag sehr viele Arbeiter Jobs suchen – die Löhne für Ungelernte nicht beeinflusst wurden. Löhne für Ungelernte schrumpften zwar leicht, aber das war laut Card nicht durch die Konkurrenz der Marielitos verursacht.

          Der Aufsatz hatte eine ungeheure Wirkung. Er behauptete im Kern, dass Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nicht so zusammenwirkten, wie man spätestens nach einem Grundstudium der Volkswirtschaftslehre eigentlich hätte vermuten dürfen: Steigt das Angebot bei kurzfristig konstanter Nachfrage, dann sinkt der Preis, bei dem Nachfrage und Angebot zusammenfinden. Und der Preis wäre in diesem Fall der Lohn. Card bestritt den Wirkungszusammenhang für den konkreten Fall und gab Politikern, die in den neunziger Jahren mit großen Immigrationswellen aus Lateinamerika umzugehen hatten, die Zuversicht, dass die Neuankömmlinge der einheimischen Bevölkerung nicht schadeten.

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