https://www.faz.net/-gqe-82mly

Milliardenprojekt an der Ostsee : Der Tunnelbau von Fehmarn

In zweieinhalb Stunden von Hamburg nach Kopenhagen: So soll der Fehmarnbelt-Tunnel eines Tages aussehen Bild: Femern A/S

Dänemark will Deutschland einen Tunnel unter der Ostsee schenken. Das dänische Parlament hat den Weg dafür frei gemacht. Doch die Deutschen fürchten den Lärm und sorgen sich um das Wohl der Haselmaus.

          Wer seine Nachbarn mag, macht ihnen hin und wieder ein Geschenk. Das kleine Königreich Dänemark mag seinen großen deutschen Nachbarn offenbar so sehr, dass es ihm gleich einen ganzen Tunnel schenken will. Und wenn schon, denn schon: Es soll ein Tunnel der Rekorde werden, der die deutsche Ostseeinsel Fehmarn mit ihrem dänischen Gegenüber Lolland verbindet. Fast 18 Kilometer lang, voraussichtlich mehr als 7 Milliarden Euro teuer, zwei Spuren für die Eisenbahn und vier für die Straße, das größte Infrastrukturprojekt in Nordeuropa. Unter dem Titel „Feste Fehmarnbeltquerung“ haben sich die Staaten 2008 darauf geeinigt, dass Deutschland nur für die Anbindung des Tunnels auf eigenem Terrain zuständig ist und Dänemark den Rest erledigt. Und obwohl Dänemark die Kosten nahezu allein stemmt, hat das Parlament in Kopenhagen am Dienstag den Weg für den Bau des Tunnels frei gemacht. Die Abgeordneten von sieben der acht Parteien stimmten dem Baugesetz für das Milliardenprojekt zu. Damit sind auch die Geldmittel für den Tunnelbau freigegeben.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch je näher der Spatenstich rückt, desto deutlicher wird: In Deutschland ist nicht Dankbarkeit die Reaktion, sondern Skepsis. Zwar bekannte sich die Kanzlerin bei ihrem Besuch in Kopenhagen am Dienstag zu dem Bau, aber große Begeisterung kam nicht auf: Sie könne Verzögerungen nicht ausschließen, sagte Angela Merkel. „Das hält uns nicht davon ab, dass wir zu dem Staatsvertrag stehen und auch alle Anstrengungen unternehmen, den Zeitplan, der damit verbunden ist, so weit wie möglich einzuhalten.“

          Kritischer drücken sich andere aus: „Die Nachteile, die uns das bringt, lassen sich mit Geld gar nicht aufwiegen“, sagt etwa Volker Owerien, der Bürgermeister von Scharbeutz an der Lübecker Bucht. Bislang führt hier ein Eisenbahngleis Richtung Fehmarn entlang, nicht einmal der ICE darf darauf schneller als 100 Stundenkilometer sein. Spricht Owerien über die ursprünglichen Pläne für den Ausbau, klingt es wie ein Horrorszenario: Mitten durch den Ferienort, nur einen Katzensprung vom Strand entfernt, rollen darin im Viertelstundentakt die Güterzüge. Häuser und Grundstücke verlieren drastisch an Wert. Der Lärm ist schwer zu ertragen. Der Tourismus, der wichtigste Wirtschaftszweig, liegt am Boden.

          Bilderstrecke

          Kein Wunder, dass sich Bürgerinitiativen gegen den Ausbau gegründet haben. Hausbesitzer, Hoteliers und Tierfreunde, die um die Haselmaus im Naturschutzgebiet fürchten, bilden eine starke Koalition. Fast hätte ein vorher namenloser Gegenkandidat von den Grünen Owerien vor anderthalb Jahren sogar die dritte Amtszeit als Bürgermeister vermiest, nur weil der Herausforderer gleich das ganze Tunnelprojekt in Bausch und Bogen verdammte und sich nicht, wie der Amtsinhaber, auf den Kompromiss einer Neubautrasse abseits der Ortskerne einlassen wollte.

          Drei von fünf Dänen wohnen auf einer Insel

          Die radikale Position findet inzwischen aber sogar jenseits von Ostholstein Anhänger. Der Bundesrechnungshof zum Beispiel kommt in seinem jüngsten Bericht zu dem Schluss, dass der nun vorgesehene Eisenbahnneubau, die Verlängerung der Autobahn 1 bis zum Tunnelausgang und der Ersatz der maroden Fehmarnsund-Brücke, die das deutsche Festland mit der Insel verbindet, voraussichtlich mehr als 2 Milliarden Euro kosten werden. Ursprünglich war weniger als die Hälfte davon vorgesehen. Die Finanzprüfer legen deshalb nah, die Sache noch einmal zu überdenken. Tenor: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Große Geschenke sollte man auch zurückgeben können dürfen.

          Das aber ist politisch ausgeschlossen, weil es für die dänische Seite nicht in Frage kommt. Zum einen, weil der Tunnel für sie nicht irgendein Projekt am Rand der öffentlichen Wahrnehmung ist, sondern der letzte Baustein eines seit langem verfolgten Plans. Drei von fünf Dänen wohnen auf einer Insel. Sie wissen, welche Vorteile es bringt, über oder unter dem Meer zur nächsten Küste kommen zu können. Nicht umsonst prangen die größten Brücken des Landes auf seinen Banknoten. Und der Fehmarnbelt-Tunnel soll zusammen mit der im Jahr 2000 eröffneten Brücke über den Öresund nach Schweden einen Verkehrskorridor bilden, der die - auf einer Insel gelegene - dänische Hauptstadt Kopenhagen zum Zentrum einer Region werden lässt, die von Hamburg im Süden bis Göteborg im Norden reicht.

          Bauantrag dänisch: 1600 Seiten - Bauantrag deutsch: 11.000 Seiten

          Zum anderen gehen die Dänen nicht so zaghaft mit Großprojekten um wie die von Stuttgart 21 und Berliner Flughafen gebeutelten Deutschen. Die Kosten? Streckt wie am Öresund eine dafür gegründete Gesellschaft vor, die dank großzügiger Staatsgarantien günstige Kredite bekommt und dann Maut von den Nutzern nimmt. Spätestens nach 39 Jahren, so die Prognose, ist der Tunnel abbezahlt. Tourismus? Spielt auf Lolland keine große Rolle. Naturschutz? Ist kein Aufreger. Rund 40 Eingaben von Bürgern hat es während der Anhörungsfrist gegeben. In Deutschland waren es 8300. Der Bauantrag zählt in seiner dänischen Fassung 1600 Seiten, für die deutschen Behörden sind es 11.000.

          Wer dennoch einen Dänen sucht, der gegen das Projekt ist, landet schnell bei Søren Poulsgaard Jensen. Er ist der Chef der Fährgesellschaft Scandlines, deren Schiffe bislang Fehmarn und Lolland im 40-Minuten-Takt verbinden. Der Tunnel wird ihm mehr als die Hälfte seiner Kunden wegnehmen, schätzt er. „Wir fahren trotzdem weiter, zu 100 Prozent“, kündigt der Manager an. Weil die Mautkalkulation damit nicht gerechnet und alle Fährpassagiere vereinnahmt habe, stehe die Wirtschaftlichkeit des Projekts auf tönernen Füßen. Und was sei das eigentlich für ein Staat, fragt Poulsgaard Jensen, der für ein Prestigeprojekt ein Privatunternehmen mit 1000 Arbeitsplätzen plattmacht?

          Der dänische Verkehrsminister kontert: Wenn sich zwei demokratisch legitimierte Regierungen einig seien, müssten die Geschäftsinteressen eines Finanzinvestors eben hintanstehen. Seit 2007 nämlich gehört Scandlines nicht mehr dem Staat, sondern einer britischen Beteiligungsgesellschaft.

          Die Dänen könnten 2022 fertig sein. Die Deutschen frühestens zwei, vermutlich vier oder sechs Jahre später. Bis dahin trifft ein veraltetes Nahverkehrsgleis aus Deutschland auf eine nagelneue Schnellzugtrasse aus Dänemark. Und die Autobahn auf eine zweispurige Bundesstraße. Eine peinliche Vorstellung.

          Deshalb wird nun an der „Synchronisierung“ der Bauabschnitte gefeilt. Wenn sich die Dänen langsamer durch die Ostsee graben, so das Kalkül, dann wird es für sie günstiger - und lässt den Deutschen genug Zeit, um selbst Straße und Gleise zu bauen. Im September will der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt mit seinem dänischen Kollegen einen gemeinsamen Zeitplan vorstellen. Er wird so tun, als sei er froh über das Geschenk der Dänen.

          Weitere Themen

          Nur nicht nachdenken

          Handball-WM als Härtefall : Nur nicht nachdenken

          Partien im Zwei-Tages-Rhythmus sind gängig, zwei Spiele binnen 24 Stunden nicht selten. Seit vielen Jahren beklagen Handballer die Überbelastung. Der WM-Spielplan erscheint manchem als Rückfall in schlimmste Zeiten.

          Der heimliche Star des Weltwirtschaftsforums Video-Seite öffnen

          16-Jährige für Klimaschutz : Der heimliche Star des Weltwirtschaftsforums

          Die 16-jährige Schülerin Greta Thunberg aus Schweden will Staatenlenker und Konzernbosse aus aller Welt in Sachen Klimaschutz.wachrütteln. Seit Monaten schwänzt sie sogar freitags ihren Unterricht um vor dem schwedischen Parlament zu demonstrieren.

          Merkels Auftritt locker und aufgeräumt Video-Seite öffnen

          Davos 2019 : Merkels Auftritt locker und aufgeräumt

          Deutschland sehe im Bereich der Digitalisierung überhaupt nicht gut aus, sagte die Bundeskanzlerin auf dem Weltwirtschaftsforum. F.A.Z.-Ressortleiter Finanzen, Gerald Braunberger, analysiert Angela Merkels Auftritt im Video.

          Topmeldungen

          Handball-WM in Liveticker : Tag des offenen Tores in Köln

          Durch Frankreichs überraschende Niederlage gegen Kroatien ist der deutsche Weg zum Gruppensieg frei. Doch die Spanier sind zäh. Deutschland führt knapp zur Pause. Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.