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Fehlende Bankenaufsicht : Die Konstruktionsfehler der Vatikanbank

Er leitet die Vatikanbank: Ettore Gotti Tedeschi Bild: AFP

Theologische Fragen sind im Vatikan allemal wichtiger als schnödes Geld. Doch nun ist die Vatikanbank wegen Verdachts auf Geldwäsche wieder in die Schlagzeilen geraten. Das weckt schlechte Erinnerungen: In den siebziger Jahren war die Bank in dubiose Geschäfte verstrickt.

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          Die Vatikanbank wird in diesen Wochen von den italienischen Institutionen behandelt, als gehöre sie zum Typus der obskuren Offshore-Institute, wie sie in Steuerparadiesen etwa der Karibik zu finden sind. Vieles spricht dafür, dass die italienische Justiz in ihrer Einschätzung richtig liegt. Obwohl Italien dem kleinen Staat des Papstes Unabhängigkeit und die Unantastbarkeit seiner Führungspersonen garantiert, wurden nun die Verantwortlichen der Vatikanbank verhört, wegen des Verdachts, dass ihre Bank in Geldwäschegeschäfte verstrickt sei. Beschlagnahmt sind und bleiben 23 Millionen Euro.

          Tobias Piller
          (tp.), Wirtschaft

          Die beschwichtigenden Worte des neuen Vatikanbankpräsidenten Ettore Gotti Tedeschi, das Ganze sei nur ein „Missverständnis“, helfen im Moment nicht weiter. Technische Versehen wären längst aufgeklärt. Wenig glaubwürdig klingt auch die Beteuerung, die beschlagnahmten Gelder gehörten der Vatikanbank selbst. Schließlich gehört es zur Praxis der Vatikanbank, alle Kundeneinlagen vom nächsten Moment an so zu behandeln, als wären sie eigenes Kapital. Aus Angst vor italienischen Steuerfahndern erhalten die Kunden anstelle von Kontoauszügen auch nur formloses Papier mit einigen Zahlen darauf. Dennoch soll es zahlreiche Kontoinhaber geben, die nicht etwa Angestellte des Vatikanstaates sind. Es gilt als offenes Geheimnis in Rom, dass etwa Unternehmer, die sich ein wenig wohltätig zeigen, auch die Gefälligkeit eines Bankkontos erhalten können. Statt einer Reise in die Karibik genügt manchem Steuerhinterzieher dann eine kurze Taxifahrt über eine Tiberbrücke in Rom.

          Zu den aktuellen Vorwürfen sind aus der Vatikanbank nur Beschwichtigungen zu hören, zur Zukunftsstrategie werden ein paar vage Absichten lanciert, etwa, dass sich die Bank bemühen wolle, auf die Liste der Länder mit respektablen Finanzinstitutionen gesetzt zu werden. Doch über die Bank und ihre Arbeitsweise verweigert der Vatikan harte Fakten, auch Bilanzen oder gar Testate internationaler Bilanzprüfungsgesellschaften. Die Informationen in Umlauf stammen von italienischen Staatsanwälten, von ehemaligen Mitarbeitern, aus einem Buch auf der Grundlage nach draußen geschmuggelter Dokumente und schließlich aus den Erfahrungen mit früheren Skandalen.

          Mafia-Geldwäscher Michele Sindona
          Mafia-Geldwäscher Michele Sindona : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Die Bank arbeitet ohne Bankenaufsicht

          Es gehört inzwischen zu den historisch gesicherten Tatsachen, dass sich die Vatikanbank in den siebziger Jahren mit dem Banker und Mafia-Geldwäscher Michele Sindona einließ und danach bis 1982 mit dem betrügerischen Roberto Calvi von Banco Ambrosiano, der für seine Geschäfte Empfehlungsschreiben der Vatikanbank benutzte. Sindona starb im Gefängnis durch vergifteten Kaffee, Calvi wurde wahrscheinlich von der Mafia unter einer Londoner Themsebrücke aufgehängt. Bis 2010 führen Ermittlungen zu millionenschweren Betrugs- oder Korruptionsskandalen immer wieder zu Konten in der Vatikanbank.

          Alarmierend ist dabei, dass die gravierendsten Konstruktionsfehler der Vatikanbank weiter bestehen: Zum einen arbeitet die Bank auf dem Territorium eines souveränen Staates, der weder eine Bankenaufsicht noch eine Zentralbank besitzt. Das bedeutet eine ständige Versuchung, sich die Regeln so zurecht zu zimmern, wie sie gerade eben gebraucht werden.

          Zweitens ist der Aktionär der Vatikanbank, der Vatikanstaat unter der absoluten Herrschaft des Papstes und der operativen Führung seines Kardinalstaatssekretärs offenbar relativ wenig an Geschäften und Gebaren seiner Bank interessiert. Theologische Fragen sind im Vatikan allemal wichtiger als schnödes Geld. Ein Aufsichtsgremium von fünf Kardinälen meist ohne Profil in Wirtschaftsfragen verstärkt den Eindruck von einem in Gedanken abwesenden Eigner der Bank. Da können sich auch Personen mit nicht ganz lauteren Absichten in Szene setzen mit römischen Redewendungen wie „Sorgen Sie sich nicht!“ und „Wir machen das schon!“.

          „Geheimniskrämerei ist das vorherrschende Prinzip“

          Begünstigt werden etwaige obskure Praktiken auch vom dritten Konstruktionsfehler, dem Mangel an Führung und interner Transparenz. „Auf allen Ebenen, auch gegenüber Vorgesetzten, ist Geheimniskrämerei das vorherrschende Prinzip“, wird aus der Bank berichtet.

          Ein neuer Präsident wie Gotti Tedeschi kann dagegen wenig ausrichten, noch weniger, wenn er – womöglich auch wegen unattraktiver Bezahlung – die Vatikanbank als Teilzeitjob für ein oder zwei Tage in der Woche betrachtet. Die Arbeitsweise der Bank, die Anonymität der Kunden und die Steuerfreiheit ziehen schließlich Kunden an, von denen sich der Vatikan lieber fernhalten sollte.

          Zwar zeigt sich im Vatikan immer wieder, dass selbst der mit absoluter Entscheidungsmacht ausgestattete Papst nicht alle althergebrachten Probleme gleichzeitig anpacken kann. Aber auch für die Vatikanbank gilt, dass zur Vorbeugung gegen neue Skandale nur die Beseitigung traditioneller Konstruktionsfehler hilft. Die Vatikanbank braucht Transparenz und strikte Prinzipien gegen Geldwäsche, ein Quellenbesteuerungsabkommen für außenstehende Privatkunden mit der EU und ein paar starke Profibanker mit Ganztagsjob an der Spitze.

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