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Fed-Präsidentin Janet Yellen : Eine Taube versucht die Wende

Wagt sich langsam aus der Deckung: Fed-Chefin Janet Yellen. Bild: Reuters

Janet Yellen steht für lockere Geldpolitik. Ausgerechnet sie wird als Vorsitzende der amerikanischen Fed nun die Rückkehr zur Normalität einleiten – natürlich vorsichtig. Warum tut sie das?

          Wenn nicht sämtliche Vorzeichen täuschen, wird Janet Yellen, die 69 Jahre alte Chefin der amerikanischen Notenbank, am Abend die Anhebung der Leitzinsen verkünden. Damit ist der Beweis erbracht, dass Geschichte gelegentlich einen Sinn für Ironie hat. Ausgerechnet die geldpolitische Taube – die eher eine lockere Geldpolitik bevorzugt – schickt sich an, die Zinswende einzuleiten, und damit nach Jahren der Krisenverarbeitung in die Normalität der Geldpolitik zurückzukehren.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Yellen hat in ihrem Berufsleben häufig auf das duale Mandat der amerikanischen Notenbank hingewiesen, das darin besteht, Preisstabilität zu wahren und maximale Beschäftigung zu ermöglichen. Stärker betont hat sie allerdings stets die Beschäftigung. Ihre Antrittsrede als Fed-Gouverneurin hielt sie in Chicago auf einer Konferenz zur Revitalisierung unterprivilegierter Stadtviertel. Ihr Thema war der Arbeitsmarkt, Yellen sprach über drei Arbeitslose aus Chicago, die in der Wirtschaftskrise ihre Stellen verloren hatten, und darüber, was die Fed unternahm, um das Los der einfachen Leute zu verbessern. Die Fed-Chefin, die zu dem Zeitpunkt der Rede am 31. März 2014 knapp zwei Monate im Amt war, positionierte die Fed als eine soziale Institution, die von der Krise durchgeschüttelten Leuten hilft. Von Inflation war weniger die Rede.

          Taktisches Ziel der Eindämmung geldpolitischer Falken

          So kommt die Frage auf, was die Taube bewogen haben mag, sich für eine Verengung der Geldpolitik zu entscheiden. Man muss sich anstrengen, um Zeichen einer aufkommenden Inflation zu entdecken, die man mit einem höheren Leitzins im Keim ersticken könnte. Das amerikanische Wirtschaftswachstum dümpelt im letzten Quartal um die zwei Prozent herum. Die Erholung am amerikanischen Arbeitsmarkt hat etwas an Tempo eingebüßt, und von überallher hagelt es Warnungen, die Zinswende könnte zu früh kommen, Amerika in die Rezession rutschen lassen und Hillary Clintons Wahl zur Präsidentin gefährden. Es steht nicht gerade wenig auf dem Spiel.

          Eine interessante Erklärung für Yellens Motivation liefert Vincent Reinhart, ehemaliger Zentralbanker und Banken-Chefökonom. Er vermutet dahinter eine taktische Kalkulation mit dem Ziel, die Falken im eigenen Haus in Schach zu halten und die Märkte in ihren Erwartungen nicht zu enttäuschen. Mit einer Leitzinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt gewinne sie Glaubwürdigkeit und zugleich einen Hebel, die Verengung und Normalisierung der Geldpolitik zu verlangsamen, lautet die plausible Spekulation.

          Falken lauern immer und überall. Die Entscheidungen im Herbst, die Zinserhöhungen noch nicht zu wagen, waren nicht unumstritten im Haus. Gewichtige Stimmen in der Fed fürchten, eine überlange Geldpolitik der niedrigen Zinsen könnte zu neuer finanzieller Instabilität führen. Zugleich würde sie ein unangemessen negatives Bild von der amerikanischen Volkswirtschaft zeichnen, die eine unnormal lockere Geldpolitik benötige, weil sie noch so fragil sei. Yellen kann solche Konflikte managen. Sie ist, wie es der Harvard-Professor Greg Mankiw ausdrückte, nicht nur eine große Ökonomin, sondern auch eine große Konsensbildnerin. Die Selbstverliebtheit ihres Vorgängers Ben Bernanke geht ihr ab. „Ich habe nie jemanden getroffen, der sie nicht mag“, sagt Mankiw.

          Geharnischte Antwort auf Nader-Protestbrief

          Doch Falken lauern auch außerhalb der Fed. Yellen sieht sich wie ihr Vorgänger schon mit Bestrebungen vor allem von Mitgliedern der Republikanischen Partei konfrontiert, die Unabhängigkeit der Notenbank einzuengen. So kursiert die Idee, Yellen solle sich jedes Mal vor Parlamentsausschüssen rechtfertigen, wenn sie mit ihren geldpolitischen Entscheidungen von einer politisch abgesegneten Geldpolitik-Formel abweicht. Yellen wehrt sich mit großer Vehemenz gegen ein solches Ansinnen. Zugleich spürt sie die Dynamiken des politischen Geschäfts. Sie hat es sich mit Republikanern verscherzt, als sie im Oktober 2014 in einer Rede die Ungleichheit und die wachsende soziale Mobilität zu Themen einer großen Rede machte. Das war ein klassisches Thema der Demokraten und wurde als unangemessene Parteinahme gewertet. Die Rede hat ihr viel Ärger und politischen Druck eingebracht. Sie hat offenbar eine Lehre daraus gezogen. Sie ist noch vorsichtiger geworden. Ihre aktuelleren Reden sind von bemerkenswerter Trockenheit. Wundern muss man sich darüber nicht; Märkte und ihre politischen Gegner wägen jedes Adjektiv.

          Jüngst muss sie aber doch die Sehnsucht auf etwas freiere Formulierung gepackt haben. Da hat sie auf einen etwas selbstverliebten herablassenden Brief des bekannten amerikanischen Verbraucher-Advokaten Ralph Nader reagiert. Nader reihte sich ein in die Riege der Kritiker, die der Fed vorwerfen, die Sparer mit niedrigen Zinsen zu enteignen. Nader ergänzte noch etwas unverschämt, die erfahrene krisengestählte Notenbankerin Yellen solle sich von ihrem Mann, dem Nobelpreisträger George Akerlof, Nachhilfe geben lassen. Sie nutzte die Antwort für eine Lektion, die normalen Leuten die Geldpolitik begreiflicher macht: Wären die Sparer bei höheren Leitzinsen tatsächlich besser dran?“, fragte sie rhetorisch. „Ich glaube das nicht. Die Arbeitslosigkeit wäre höher, die Hauspreise wären tiefer gefallen, mehr Familien und Firmen wären in die Pleite gerutscht. Und die Börse hätte sich nicht so schnell erholt.“ Höheren Sparzinsen hätten Wertverluste des Eigenheims und des Aktiendepots gegenübergestanden. Viele hätten ihre Stellen und Pensionen verloren, andere hätten ihre arbeitslosen Kinder unterstützen müssen. Yellen unterstrich mit diesem Brief, dass sie trotz ihrer meist akademischen Sprache eine handfeste Frau ist, der die Alltagssorgen der Leute noch vertraut sind.

          Yellen hat während des ganzen Jahres die Erwartung genährt, dass 2015 das Jahr der Zinswende und der Rückkehr in die Normalität werde. Sie wird ihre Ankündigung in die Tat umsetzen.

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