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FDP : Kein Markt mehr für die Marktpartei

Wenn Walter Scheel das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ sang, Hans-Dietrich Genscher wolkige Floskeln verbreitete oder Wolfgang Gerhardt vor allem Biederkeit verströmte: dann mochten die Intellektuellen sich mokieren – aber in breiten Bevölkerungskreisen kam das besser an als später das forsche Auftreten smarter Jungpolitiker. Vor allem wirkte dieses personelle Angebot souverän. „Die FDP galt als die Partei der reiferen Entscheidungen“, sagt Psychologe Grünewald. „Dieses souveräne Profil hat Guido Westerwelle mit seinem postpubertären Auftreten verletzt. Dann wurde er durch präpubertäres Personal ersetzt.“ Den jungenhaften Nachfolger Philipp Rösler habe keiner ernst genommen, auch der heutige Parteichef Christian Lindner sei „noch nicht die fleischgewordene Souveränität“.

Auch Allensbach-Chefin Renate Köcher findet, dem Angebot der Partei fehle seit langem der nötige Ernst. „Die FDP hatte zu viel Frivolität in ihrer politischen Kommunikation“, sagt Köcher. „Sie führte oft Wahlkämpfe unter dem Niveau des eigenen Wählerpotentials.“ Wenn die Partei jetzt in Brandenburg plakatiert, „keine Sau“ brauche die FDP, dann wiederhole sie diesen Fehler. „Mit Jux-Plakaten bekommt man keine Stimmen, sondern weckt nur Zweifel an der eigenen Ernsthaftigkeit. Politik ist ja kein Kabarett.“

Den meisten geht es um den Erhalt des Status Quo

Nicht bloß beim Personal kommen Angebot und Nachfrage schwer zusammen, auch bei den Themen hakt es. Das fällt umso stärker ins Gewicht, als eine Mehrheit der früheren FDP-Wähler in Umfragen zumindest behauptete, mehr an Inhalten als an Äußerlichkeiten interessiert zu sein. FDP-Anhänger seien „deutlich stärker an Themen orientiert als die Gesamtwählerschaft“, heißt es dazu in der Naumann-Studie.

Auf den ersten Blick müsste eine große Koalition für die FDP phantastisch sein. Landauf, landab kann der Parteivorsitzende Christian Lindner gegen deren Rentengesetz oder den Mindestlohn wettern. Das Problem ist: Dafür gibt es derzeit kaum Nachfrage. „Mindestlohn oder Rente mit 63 haben breite Zustimmung weit über die Wählerschaft der großen Koalition hinaus“, sagt Allensbach-Chefin Köcher. „Mit einer Fundamentalopposition gegen diese beiden Projekte kann man schwer punkten.“ Auch an Steuersenkungen glauben die Wähler seit der Schuldenkrise kaum noch.

Mehr noch: Bankencrash, EuroKrise und internationale Konflikte lassen die Menschen ängstlich am Bestehenden festhalten. „Die politische Nachfrage hat sich in den letzten Jahren stark verändert“, sagt Meinungsforscher Grünewald. „Die FDP ist schlecht positioniert, weil sie den Hauptbedarf überhaupt nicht mehr bedient: den Erhalt des Status quo.“

Wenig Schnittmenge mit der AfD

Grünewald hat die Bundesrepublik zuletzt in einem Aufsatz als „Goretex-Land“ beschrieben: „Einerseits wollen wir weltoffen sein, andererseits wollen wir uns von Bedrohungen abschotten.“ Dieses wenig liberale Bedürfnis kann die FDP aber kaum befriedigen. Dafür sorgt schon die Bundeskanzlerin, und wem Angela Merkels Schutzschirm nicht reicht, der bedient sich neuerdings politisch bei der AfD.

„Rechts von der Union gibt es zwar Platz, aber dieser Platz ist nicht wirtschaftsliberal, sondern standortorientiert“, sagt Grünewald. „Für die Bevölkerung ist die AfD die Partei, die den Euro abschafft, die Grenze dichtmacht und dafür sorgt, dass unsere Wirtschaft nicht durch billige Importe geschwächt wird.“ Die Schnittmengen sind folglich begrenzt. Bei der Bundestagswahl wanderten FDP-Stimmen vor allem ins Lager von Union, SPD und Nichtwählern ab – von der Mehrzahl der Wähler wurde die FDP stets als eine Kraft der politischen Mitte angesehen. In der Liste der politischen Erben folgte die AfD erst auf dem vierten Platz.

Eines hat die FDP allerdings mit Protestparteien gemein: Ihre größten Wahlerfolge im zurückliegenden Jahrzehnt erzielte sie bei jungen Männern. Ihr Resultat bei den Jungen lag um die Hälfte höher als bei den Alten, zugleich holte sie bei Männern fast 50 Prozent mehr Stimmen als bei Frauen. Die jungen Männer sind aber die Wählergruppe mit der geringsten Parteibindung. „Die FDP kann offensichtlich nicht auf eine hohe und sichere Stammwählergruppe zurückgreifen“, schreibt die Naumann-Stiftung. Ungebundenheit ist geradezu das Markenzeichen des liberalen Wählers. Auch deshalb ist die Partei den Schwankungen des Marktes stärker ausgesetzt.

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