https://www.faz.net/-gqe-75emp

FDP : Ausgerechnet Brüderle

Rösler nahm Brüderle vor zwei Jahren das Wirtschaftsministerium. Die Kränkung sitzt Bild: dpa

Wie verzweifelt muss die FDP sein, dass alle Hoffnungen der Partei nun auf Rainer Brüderle ruhen. Doch man soll den Mann nicht unterschätzen: Er ist ein Profi von altem Schrot und Korn.

          Die Lage der Partei war verzweifelt, die Koalition mit der CDU stand vor dem Ende, jede Wahl endete in einem Debakel. Nur in vier von 16 Landtagen stellte die FDP überhaupt noch Abgeordnete, lediglich in zwei Bundesländern Minister. Ein glückloser Außenminister hatte den Parteivorsitz schon vor längerem abgeben müssen, aber auch diese Rochade half den Liberalen nicht weiter.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war das Jahr 1998. Der Außenminister hieß damals nicht Guido Westerwelle, sondern Klaus Kinkel. Und der Name des neuen Parteivorsitzenden lautete Wolfgang Gerhardt, nicht Philipp Rösler. Nur der Mann, der die FDP erlösen soll, ist heute immer noch derselbe wie damals. „Rainer Brüderle zieht aus Rheinland-Pfalz gen Bonn, die FDP zu retten“, schrieben die Zeitungen.

          Seit elf Jahren war Brüderle damals Wirtschaftsminister in Rheinland-Pfalz, zuletzt auch zuständig für Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau. Mit der CDU Bernhard Vogels und seiner Diadochen hatte er ebenso regiert wie mit der SPD Rudolf Scharpings und Kurt Becks. Dann kandidierte er für den Bundestag, er wollte Wirtschaftsminister im Bund werden. Elf lange Jahre musste er warten, bis 2009. Als er das Amt hatte, nahm es ihm Rösler nach anderthalb Jahren wieder weg.

          Die letzte Hoffnung seiner FDP

          Am 20. Januar hat Rösler in Niedersachsen, seinem Heimatland, eine Landtagswahl zu bestehen. Nach den Umfragen hat die FDP gute Chancen, den Einzug ins Parlament zu verpassen. Dann werde sich Rösler, so heißt es, als Bundesvorsitzender kaum noch halten können. Das bedeutet: Brüderle, der Fraktionsvorsitzende, müsste übernehmen. Wieder gilt er, wie vor 14 Jahren, als die letzte Hoffnung seiner FDP. Kommenden Sonntag, beim Dreikönigstreffen, kann er sich schon warmreden. Ausgerechnet Rainer Brüderle.

          Was haben sie über ihn gelacht. Über die pfälzische Mundart des Mannes, der in Landau an der Weinstraße aufgewachsen ist. Der Hunderte von Weinköniginnen für einen Eintrag im Guinness-Buch versammelte. Der bei Harald Schmidt unter dem Titel „Saufen mit Brüderle“ auftrat und sich zu seinen Konsumgewohnheiten ausfragen ließ: „Zum Mittagessen trinke ich gern ein Glas Wein, zum Frühstück nicht.“ Der als Wirtschaftsminister mit ansehen musste, wie die Kanzlerin lieber den Kollegen aus dem Verteidigungsressort nach Brüssel schickte, als Wolfgang Schäuble auf dem Höhepunkt der Euro-Krise plötzlich krank wurde.

          Aber Brüderle ist immer noch da. Inzwischen ruft selbst die Kanzlerin bei ihm an, wenn sie mit der FDP etwas klären will. Als das Emnid-Institut im November fragte, mit wem die FDP die Wahl gewinnen könne, landete er auf dem ersten Platz, knapp vor Westerwelle und mit solidem Abstand zu Rösler. In allen Popularitäts-Rankings belegt Rösler den letzten Platz. Brüderle taucht dort zwar nicht immer auf, und im jüngsten Deutschlandtrend der ARD waren nur 31 Prozent der Befragten mit seiner Arbeit zufrieden. Aber für FDP-Verhältnisse ist das ein guter Wert.

          Unsere Weinköniginnen: Brüderle als Landesminister, 1997

          Er stand Niederlagen durch, die für jeden anderen das Karriere-Aus bedeutet hätten. Der Niedersachse Rösler muss zurücktreten, wenn ihm der Einzug in den Landtag nicht gelingt? Als die Mainzer FDP vor knapp zwei Jahren in die außerparlamentarische Opposition entschwand, wurde Brüderle wenig später zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Und das, obwohl er das schwarz-gelbe Atom-Moratorium damals vor deutschen Wirtschaftsführern zur bloßen Wahltaktik erklärte - und damit wider Willen den Atomausstieg erst richtig unumkehrbar machte.

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Brasilien-Star für Bundesliga : Das ist der Bayern-Plan mit Coutinho

          Der Transfer-Coup ist gelungen, Philippe Coutinho ist ein Münchner. Doch wie soll der Brasilianer den Bayern nun am besten auf dem Rasen helfen? Die Vorstellungen der Münchner bei diesem Ein-Mann-Projekt sind klar.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Eine Ursula-Koalition für Italien?

          In Italiens Regierungskrise entscheidet sich, ob es Neuwahlen gibt, „Fridays for Future“ feiert Geburtstag – und in Brandenburg denkt man über eine Kenia-Koalition nach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.