https://www.faz.net/-gqe-vf65

FAZ.NET Spezial: Umwelttechnik : Ein Milliardenmarkt mit enormem Wachstum

Blick in die Zukunft: Prototyp des Solarfahrzeugs Nuna 4 Bild: dpa

Die Märkte der Zukunft sind grün, meint der Club of Rome. Die Märkte der Gegenwart sind es auch schon. Die Umwelttechnik durchzieht alle Branchen der Wirtschaft. Das grüne Versprechen - eine Bestandsaufnahme.

          „Die Märkte der Zukunft sind grün.“ Das hat der Präsident des Club of Rome, Prinz Hassan von Jordanien, gesagt. Er wollte damit ausdrücken, dass die Märkte des 21. Jahrhunderts nicht nur die ökonomischen Herausforderungen bestehen müssen, sondern auch die ökologischen, vor allem den Klimawandel, den Erhalt biologischer Vielfalt, die Minimierung von Umweltbelastungen auf die menschliche Gesundheit und den nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Ökomärkte gibt es schon lange. Der Beginn der Reformhausbewegung vor mehr als einhundert Jahren hatte auch einen großen Ursprung in der Idee, natürliche Lebensweise mit modernem Fortschritt zu verbinden. Aber Ökomärkte, ob im Bereich der Lebensmittel, der Textilien oder der alternativer Heizungen, waren Nischenmärkte. „Heute geht es um viele Milliarden Euro und um die ökonomischen Leitmärkte, die das 21. Jahrhundert entscheidend prägen“, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) auf der Innovationskonferenz seines Hauses im vergangenen Herbst in Berlin.

          Eine 60 Milliarden Euro schwere Branche

          Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger hat ergeben, dass die deutsche Industrie im Jahr 2005 bereits 4 Prozent ihres Gesamtumsatzes mit Umwelttechnologien erzielte, also in absoluten Zahlen etwa 60 Milliarden Euro. Dieser Anteil werde sich bis zum Jahr 2030 auf 16 Prozent vervierfachen. Deutschland sei heute schon in wichtigen Märkten der Umwelttechnik Weltmarktführer.

          Das ist High-Tech: Bikini, aus Solarzellen geformt

          Bei umweltfreundlicher Energieerzeugung (aus Sonnenenergie, Wind, Wasserkraft) könnten deutsche Anbieter einen Weltmarktanteil von 30 Prozent für sich beanspruchen, bei der Trennung und Verwertung von Abfall einen solchen von 25 Prozent. Die Wachstumsraten der in der Umwelttechnik tätigen Unternehmen liegen zwischen 11 und 30 Prozent im Jahr.

          Ein enormer Arbeitsmarkt

          Ähnlich hoch ist auch der Stellenaufbau in diesen Branchen, wenn es auch keine genauen Zahlen gibt. Für die gesamte Europäische Union gehen Beobachter davon aus, dass die Umweltindustrie rund 2 Millionen Menschen beschäftigt und 183 Milliarden Euro umsetzt. Andere Untersuchungen schätzen allein für Deutschland 1,5 Millionen Beschäftigte in diesen Branchen, die von der Energieberatung über die Windkraftunternehmen bis hin zu Kanalisationsfirmen oder Dienstleistern für Dieselumrüstungen reichen.

          Das Wachstum werde außerhalb Europas noch größer sein, vor allem in Asien. Allein China will nach Informationen aus Peking die installierte Windenergie- und Solarenergie-Leistung binnen 15 Jahren auf 133 000 Megawatt rund verdreifachen. In Deutschland liegt die Leistung heute bei 17.000 Megawatt.

          Mehr Investitionen als in Halbleiter

          Auch die Kapitalanleger sind von der Zukunft grüner Technologien überzeugt. In den Vereinigten Staaten wurden im vergangenen Jahr 3 Milliarden Dollar an Risikokapital in grüne Technologien investiert - und damit mehr als in die Halbleiterbranche. „Wir stehen vor einem Hype, der mit der New Economy zu Beginn des Jahrzehnts vergleichbar ist“, schwärmt daher Roland-Berger-Umweltexperte Thorsten Henzelmann.

          Es gebe jedoch einen großen Unterschied zu damals. „Bei der Umweltbranche handelt es sich um eine Industrie mit seriösen Geschäftsmodellen, mit denen bereits bestes Geld verdient wird.“ Experten erwarten, dass der weltweite Umsatz mit Umwelttechniken bis zum Jahr 2030 auf eine Billion Euro steigt. Das Baseler Prognos-Institut geht davon aus, dass bis dahin in Deutschland die Umweltbranche mit ihrem Umsatz die Autoindustrie und den Maschinenbau überholt haben wird.

          Umwelttechnik ist überall

          Wobei es immer schwieriger wird, Umwelttechnik von anderer Technik zu unterscheiden. Heute ist jeder Autohersteller bemüht, treibstoffsparende Modelle zu entwickeln, jeder Hersteller von Elektrogeräten arbeitet an der Steigerung der Energieeffizienz. Um einen kostengünstigeren Energieeinsatz bemüht sich die gesamte Elektroindustrie, einer der größten Industriezweige überhaupt. In der Baubranche geht es darum, die Häuser so zu isolieren, dass sie möglichst wenig Energie für Heizungszwecke benötigen.

          Und der Einsatz von kohlenstoffverstärkten Kunststoffen in der Luftfahrt ist die Weiterentwicklung klassischer Verbundwerkstoffe, aber wird forciert durch das Bestreben nach Energieeinsparung. Inzwischen wird die gesamte Wirtschaft durchdrungen von den Begriffen Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit und Energieeffizienz.

          In der heute mit dem ersten Beitrag startenden Serie „Das grüne Versprechen“ soll untersucht werden, inwieweit gerade die traditonellen Branchen Landwirtschaft, Einzelhandel, Automobilwirtschaft, Elektrotechnik, Bauwirtschaft, Computerindustrie und Textil auch schon von diesen ökologischen Gedanken durchdrungen sind. Es soll hinterfragt werden, ob es sich dabei nur um Marketingaussagen handelt oder ob die Ideen der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes auch in entsprechenden Produkten ihren Niederschlag finden.

          Weitere Themen

          Das Netflix des Gamings? Video-Seite öffnen

          Gamescom 2019 : Das Netflix des Gamings?

          Google bringt mit Stadia seinen eigenen, cloud-basierten Gamingservice heraus. F.A.Z.-Digitalredakteur Bastian Benrath hatte auf der Gamescom in Köln die Chance, die Nicht-Konsole des Tech-Giganten zu testen.

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.