https://www.faz.net/-gqe-qi16

FAZ.NET-Spezial : Energie vom Acker

  • -Aktualisiert am

Für die Kuh oder für den Tank? maisernte im Kreis Ammerland Bild: dpa

Durch den Preisanstieg für Milch und Getreide droht der Anbau nachwachsender Rohstoffe auf deutschen Ackerflächen ins ernährungspolitische Zwielicht zu geraten. Gelten Felder, deren Ernte in die Herstellung von Biodiesel, Biogas und anderen biogenen Produkte fließt bald nicht mehr als ökologisch?

          2 Min.

          Durch den Preisanstieg für Milch, Butter und Getreide droht der Anbau nachwachsender Rohstoffe auf deutschen Ackerflächen ins ernährungspolitische Zwielicht zu geraten. Felder, deren Ernte in die Herstellung von Biodiesel, Biogas und anderen biogenen Produkte fließt, galten bislang als ökologisch und - zumindest aus Sicht der Landwirte - auch ökonomisch sinnvoll genutzte Flächen. Inzwischen hat der Anbau von Raps, Energiemais und anderen nachwachsenden Rohstoffen dank staatlicher Förderung aber ein Ausmaß erreicht, dass sich die Frage stellt, ob Raps und Mais nicht Kuh und Korn vom deutschen Acker verdrängen.

          Was passieren kann, wenn die Energiepflanzenproduktion überhandnimmt, zeigte vor einem halben Jahr die „Tortilla-Krise“ in Mexiko. Dort schnellten die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe, weil die Landwirte nachwachsende Rohstoffe statt Nahrungsmittel anbauten.

          Eine „Kartoffel-Krise“ scheint kaum denkbar

          In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Anbaufläche für nachwachsende Rohstoffe nach Angaben der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe verfünffacht, von 400.000 Hektar im Jahr 1997 auf geschätzte mehr als 2 Millionen Hektar in diesem Jahr. Nachwachsende Rohstoffe werden auf fast 17 Prozent der genutzten Ackerfläche von nahezu 12 Millionen Hektar angebaut. Der größte Anteil entfällt mit gut 1,1 Millionen Hektar auf den Rapsanbau für Biodiesel und Pflanzenöl.

          Eine Tortilla- oder vielleicht eher eine „Kartoffel-Krise“ scheint in Deutschland zwar kaum denkbar. Gleichwohl ist hierzulande eine ungebremste Zunahme der Anbauflächen für nachwachsende Rohstoffe in der bisherigen Größenordnung nicht möglich ohne Beeinträchtigung des Nahrungsmittelanbaus. Die Schätzungen, wie groß das Flächenpotential für nachwachsende Rohstoffe in Deutschland noch ist, liegen allerdings weit auseinander. Fachleute, auf deren Prognosen sich das Bundeslandwirtschaftsministerium stützt, gehen davon aus, dass sich die Anbaufläche ohne Beeinträchtigung der Lebens- und Futtermittelproduktion oder Missachtung von Naturschutzvorschriften noch auf 2,5 bis 5 Millionen Hektar ausdehnen ließe. Falls die landwirtschaftlichen Grünflächen zur Verfügung stünden, könnten es 7 Millionen Hektar sein. Das Sondergutachten „Klimaschutz durch Biomasse“, das der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU) im Juli vorgelegt hat, spricht dagegen von 3 bis 4 Millionen Hektar Flächenpotential. Bis 2020 sollen die Grenzen des Wachstums erreicht sein.

          Landwirtschaftsministerium sorgt sich nicht

          Dass die Nahrungsmittelproduktion nicht beeinträchtigt wird, bedeutet allerdings nicht, dass der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen keine Preissteigerung für Grundnahrungsmittel verursachen kann. Noch sieht das Landwirtschaftsministerium aber keinen Anlass zur Sorge. Man beobachte die Entwicklung aufmerksam und müsse abwarten, heißt es. Von welcher Hektarzahl an sich der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen überhaupt auf die Preise von Nahrungsmitteln auswirkt, sei aufgrund regionaler Faktoren nicht allgemein verbindlich zu bestimmen.

          Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hat im Mai die EU-Kommission dazu aufgefordert, die 400.000 Hektar stillgelegte Agrarfläche in Deutschland freizugeben. Hintergrund für die Forcierung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe durch die Bundesregierung sind die Klimaschutzziele der Europäischen Union. Der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch soll demnach in der EU bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent steigen. In Deutschland müsste der Anteil von 5,8 Prozent im Jahr 2006 auf 16 Prozent steigen.

          Dafür wären nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums 3,5 Millionen Hektar Anbaufläche für nachwachsende Rohstoffe erforderlich - vorausgesetzt, dass der Import von nachwachsenden Rohstoffen auf dem Niveau des Jahres 2006 bleibt. 600.000 Tonnen Biodiesel, 670.000 Tonnen Pflanzenöl für Biodiesel und 1,8 Millionen Tonnen anderer nachwachsender Rohstoffe wurden im vergangenen Jahr eingeführt. Das entspricht jeweils einem Anteil von 25, 67 und 33 Prozent der deutschen Produktion. Der SRU rechnet damit, dass eine Steigerung der Einfuhr von Biomasse notwendig ist, um die EU-Klimaschutzziele zu erreichen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.