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Fast jeder sechste Deutsche gefährdet : DIW: Mindestlohn kann Armut nicht beheben

Hilfe für Arme: Frühstück in einer Kirchengemeinde Bild: Rosenkranz, Henner

Rund 13 Millionen Menschen in Deutschland gelten als von Armut gefährdet. Weil Arbeitslosigkeit das größte Armutsrisiko ist, würden höhere Löhne den Betroffenen nicht helfen.

          Obwohl Deutschland bislang vergleichsweise gut durch die europäische Schuldenkrise gekommen ist, war im Jahr 2011 fast jeder sechste Deutsche von Armut gefährdet. Das geht aus der jüngsten Erhebung „Leben in Europa“ hervor, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag veröffentlicht hat. Die Quote stieg demnach gegenüber dem Vorjahr um 0,3 Prozentpunkte auf 16,1 Prozent der Bevölkerung, was rund 13 Millionen Menschen entspricht. Damit setzt sich der leichte Anstieg, den die Statistiker seit mehreren Jahren beobachten, fort.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Als von Armut gefährdet gilt nach EU-Definition (EU-SILC) eine Person dann, wenn sie zum Zeitpunkt der Erhebung weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat. Im Jahr 2011 lag diese Schwelle für die relative Armut in Deutschland für Alleinstehende bei 980 Euro verfügbaren Einkommen im Monat (11757 Euro Jahreseinkommen). Sozialleistungen sind dabei schon eingerechnet, Steuern und Abgaben abgezogen. Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren betrug die Schwelle 2058 Euro Monatseinkommen.

          Heute gelten Menschen als armutsgefährdet, die mit identischem Einkommen vor wenigen Jahren noch nicht zu dieser Gruppe zählten

          Die Schwelle, und damit die mittleren Einkommen, ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Für Alleinstehende lag sie zwei Jahre zuvor noch fast 500 Euro niedriger, es gelten also heute Menschen als armutsgefährdet, die mit einem identischen Nominaleinkommen vor wenigen Jahren noch nicht zu dieser Gruppe zählten. Haushalte werden bei der Erhebung nur zu einem Zeitpunkt betrachtet, ob Personen tatsächlich über einen längeren Zeitraum über ein sehr geringes Einkommen verfügt, kann nicht abgelesen werden.

          Wie in zahlreichen Studien nachgewiesen, ist Arbeitslosigkeit das größte Armutsrisiko. „Weit mehr als zwei Drittel der Menschen waren armutsgefährdet, die die in Haushalten von überwiegend Arbeitslosen leben“, schreiben die Statistiker. Von den Erwerbstätigen wurden nur 7,7 Prozent als armutsgefährdet eingestuft.

          Steigende Löhne würden vielen Betroffenen demnach nicht weiterhelfen. Auch Mindestlöhne, die von der künftigen Bundesregierung mit hoher Wahrscheinlichkeit eingeführt werden, beheben das Problem nicht, sagt Kai-Uwe Müller, Konjunkturforscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. „Der Effekt auf die verfügbaren Einkommen ist viel geringer, als oft suggeriert“, sagte Müller dieser Zeitung. In einer Studie hatte der Forscher jüngst darauf hingewiesen, dass in einem Haushalt mit verschiedenen Einkommensbeziehern, ein Mindestlohn für einen Niedrigeinkommensbezieher zu großen Teilen zu versteuern wäre. „Die Armutsgefährdung sollte in den Koalitionsverhandlungen kein Argument pro Mindestlohn sein“, sagte Müller.

          Mit selber Methodik wurden vom Statistikamt Eurostat auch in anderen Euroländern die Armutsgefährdungsquoten erhoben. In Griechenland stieg die Quote im Jahr 2011 um fast zwei Prozentpunkte auf 23,1 Prozent, in Portugal stabilisierte sich die Quote bei knapp 18 Prozent, in Frankreich betrug sie 14,1 Prozent. Besonders wenige Menschen waren in den Niederlande armutsgefährdet (10,1 Prozent). Aus Italien Irland und Spanien gab es noch keine aktuellen Angaben. Auffällig ist jedoch, wie deutlich die Armutsschwellen – und damit die mittleren Einkommen – in mehreren Krisenländern gesunken sind. In Griechenland fiel die Armutsschwelle zwischen 2010 und 2012 für einen Alleinstehenden von 7178 Euro Jahreseinkommen auf 5708 Euro, in Portugal im selben Zeitraum von 5207 auf 4994 Euro.

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