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Amtlicher Zensus : Fast 500.000 Ausländer weniger in Deutschland

Neue Statistik, neue Erkenntnisse Bild: dpa

Der amtliche Zensus liefert einige verblüffende Erkenntnisse: In Deutschland leben weniger Ausländer als vermutet. Und viel weniger Alte auch.

          Die Zahl der Ausländer in Deutschland ist deutlich geringer als vermutet. Das Gleiche gilt für die Zahl der Einwohner, die älter als 80 Jahre sind. Dagegen ist die Zahl der Verheirateten insgesamt höher als bisher angenommen. Das zeigen neue Detailergebnisse des Zensus 2011, die das Statistische Bundesamt an diesem Donnerstag veröffentlicht hat. Mit dieser groß angelegten Bevölkerungserhebung hatten die Statistiker zum ersten Mal seit der Volkszählung aus dem Jahr 1987 neue Grunddaten gewonnen, mit deren Hilfe sich nun viele Einzelstatistiken überprüfen lassen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dass die Gesamtzahl der Einwohner im Jahr 2011 mit 80,8 Millionen um fast 1,6 Millionen Personen oder etwa 2 Prozent geringer war als zuvor angenommen, hatte das Bundesamt als eines der ersten Schlüsselergebnisse des Zensus schon im vergangenen Jahr mitgeteilt.

          Inzwischen aber hat die Auswertung der gewonnenen Daten weitere bemerkenswerte Einzelergebnisse zutage gefördert: Zu den Markantesten zählt die Erkenntnis, dass die Zahl der hier lebenden Ausländer erheblich niedriger ist als gedacht: Zum Erhebungstermin im Mai 2011 waren es laut Zensus 6,18 Millionen Personen und damit 470.000 weniger als damals vom Ausländerzentralregister auf Grundlage von Meldedaten ausgewiesen. Dies sind gut 7 Prozent weniger, die Korrektur fiel hier also mehr als dreimal so stark aus wie bei der Gesamteinwohnerzahl.

          Mehr Zuwanderer wegen Euro-Krise

          Die Erkenntnisse des Zensus ändern indes nichts an der Feststellung, dass die Zahl der Ausländer in Deutschland seit dem Jahr 2011 erheblich angestiegen ist. Dies hat allerdings keine statistischen Ursachen, sondern liegt an einer gestiegenen Zuwanderung vor allem im Zuge der Eurokrise und der Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bürger aus den östlichen Mitgliedsländern der Europäischen Union. Allein von Mai 2011 bis Ende 2013 hat sich damit den Hochrechnungen zufolge die Zahl der ausländischen Einwohner um eine Million auf 7,2 Millionen erhöht.

          Eine der wesentlichen Ursachen für die nun mit dem Zensus festgestellten Abweichungen von der bisherigen Einwohnerstatistik ist, dass sich bei den Meldeämtern Doppelzählungen ergeben können - beispielsweise wenn sich Menschen nach einem Umzug nicht oder verspätet am alten Wohnort abmelden.

          Zwar bemühen sich die Statistiker auch im Zuge der laufenden sogenannten Bevölkerungsfortschreibungen, solche Verzerrungen zu vermeiden. Dennoch schleichen sich offenbar im Laufe der Jahre deutliche Abweichungen in die Hochrechnung ein, die sich letztlich nur mit so groß angelegten Erhebungen wie dem Zensus aufdecken lassen.

          Differenz der Anzahl an Nichtdeutschen nach dem neuen Zensus zu bisherigen Zählungen

          Weniger Alte

          Die überproportional starke Korrektur der Ausländerzahl scheint die Diagnose zu bestätigen, dass versäumte Abmeldungen eine wichtige Ursache sind - in dieser Personengruppe kommen Um- und Fortzüge besonders häufig vor. Daneben gibt es aber auch die Überlegung, dass Kommunen und Bundesländer eine gewisse Überzeichnung ihrer Einwohnerzahl gerne hinnehmen, weil eine höhere Einwohnerzahl ihre Position im Länderfinanzausgleich und in den kommunalen Finanz-Ausgleichen verbessert.

          Zu den aktuellen Einzelauswertungen des Zensus gehören neben den Ausländerzahlen auch neue Daten zur Altersstruktur der Bevölkerung. Insgesamt ergaben diese zwar keine gravierende Abweichung im Hinblick auf den Anteil der Erwerbspersonen an der Gesamtbevölkerung; 100 Einwohnern im Alter zwischen 20 und 65 Jahren standen den neuen Daten zufolge einerseits 33,8 Einwohner jenseits der 65 Jahre und andererseits 30,3 Einwohner unter 20 Jahren gegenüber. Besonders stark wurden bis zum Zensus jedoch die Zahl der über 80-Jährigen und die Zahl der 20- bis 39-Jährigen überschätzt: Erstere muss nun um 3,2 Prozent auf 4,2 Millionen nach unten korrigiert werden, letztere um 2,6 Prozent auf 20,3 Millionen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen muss nun hingegen nur um 1,1 Prozent auf 15,8 Millionen nach unten korrigiert werden.

          Gleichzeitig hat das Statistische Bundesamt nun mit Hilfe des Zensus festgestellt, dass hierzulande deutlich mehr verheiratete Paare leben als angenommen. Insgesamt 36,67 Millionen Einwohner haben den neuen Erkenntnissen zufolge einen Trauschein. Das sind 1,7 Millionen oder fast 5 Prozent mehr als zuvor vermutet.

          In ähnlich starkem Ausmaß wurde im Gegenzug die Zahl der Ledigen nach unten korrigiert - auf nunmehr 32 Millionen. Auch die Zahl der geschiedenen Einwohner wurde den neuen Erkenntnissen zufolge jedoch überschätzt: Statt von 6,5 Millionen gehen die Statistiker noch von knapp 5,7 Millionen Geschiedenen aus.

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