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Familienpolitik : Viel Geld, wenige Kinder

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Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler an der Universität Hannover und einer der geistigen Väter des Elterngeldes, sagt, dass es keine einfache Antwort auf diese Frage gibt. Die klassische Literatur, referiert er, spreche sich eindeutig für ungebundene Geldtransfers aus. Im Fall von „sich wohl verhaltenden Eltern“ sei dies in der Tat das Beste, denn diese Eltern wüssten besser als der Staat, was sie mit dem Geld anfangen sollen - zum Wohle der Kinder. Auch aus wettbewerbspolitischer Sicht ist es der klassischen Argumentation nach besser und weniger verzerrend, wenn Eltern Geld ausgeben, als wenn der Staat es tut. Die neuere Forschung aber, gibt Homburg zu bedenken, schenkt einem „Principal Agent“-Problem in der Familienpolitik Aufmerksamkeit. Im Modell gibt es einen Auftraggeber (Prinzipal, hier der Staat), der einen Auftragnehmer (Agent, die Eltern) mit einer Aufgabe betraut. Jeder Vertragspartner handelt aber im eigenen Interesse. Dass kann zu Konflikten führen: Kommt das Geld überhaupt den Kindern zugute? Oder wird es im allgemeinen Haushaltsbudget untergebuttert, gar in die Kneipe getragen? Was also ist besser: Größtmögliche Freiheit für die Eltern oder Kontrolle zum Wohl des Kindes?

Die eigene Klientel im Blick

Die Union hat ihre Klientel im Blick, die intakte Familie, die weiß, was gut fürs Kind ist. Krippen sind CDU und CSU deshalb eher suspekt. Die Sozialdemokraten richten ihren Blick dagegen gerne auf soziale Brennpunkte und haben folgerichtig Vorbehalte gegenüber Blankoschecks. Aufgrund des „Principal Agent“-Problems sei die Sicht, in der Familienförderung alleine auf ungebundene Geldtransfers zu setzen, wohl „zu optimistisch“, sagt Homburg. Gerade Eltern von Kindern, denen eine frühe Förderung außer Haus besonders zu wünschen wäre, würden die Transfers im Zweifelsfall anders verwenden. Auch Dieter Dohmen, Direktor des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, befürchtet, dass im Fall von reinen Geldleistungen „Kinder, die man erreichen müsste, hinten runterfallen“. Als Verfechter der Krippenförderung glaubt er, dass ungebundene Geldleistungen nicht zwingend bei den Kindern ankommen. Er räumt aber ein, dass der Konflikt zwischen einer freien Entscheidung der Eltern und dem Bildungsinteresse des Kindes schwer zu lösen sei.

Der Ökonom Homburg hält planwirtschaftliche Lösungen nach dem Muster „Berlin weiß, wie viele Krippen das Land braucht“ nicht für das Wahre. Er plädiert stattdessen für einen dritten Weg, für Gutscheinmodelle, die Eltern in der Einrichtung ihrer Wahl einlösen können, nicht aber in der Elektronikabteilung des Kaufhauses. Gutscheine hält auch der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut für eine gute Idee. Er empfiehlt, in der Familienförderung mehr auf private Initiative zu setzen. Ohne die derzeitige wettbewerbsverzerrende Überregulierung in der Kinderbetreuung würden private Anbieter die Unterversorgung rasch beheben.

Es war einmal ein Land, in dem Wahlkämpfer solche Fragen für Gedöns hielten. Dieses Land gibt es nicht mehr.

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