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Familienpolitik : Viel Geld, wenige Kinder

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Kaum ein Land überschüttet Eltern mit derart viel Geld. Der Förderdschungel hat ein Volumen von 184 Milliarden Euro - für Posten wie Kindergeld, Ehegattensplitting bis zur kostenlosen Mitversicherung oder der steuerlichen Absetzbarkeit von Betreuungskosten. 184 Milliarden Euro, das sind 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, mehr als die anderen Industrieländer im Schnitt ausgeben. Misst man jedoch den Erfolg von Familienpolitik an der Entwicklung der Geburtenrate, dann ist die Rendite mickrig. 1,3 Kinder bekommt eine deutsche Frau im Schnitt. In Frankreich sind es 2,0, in allen skandinavischen Ländern mehr als 1,8. Im vergangenen Jahr aber wurden zum ersten Mal mehr Kinder in Deutschland geboren, als von Demographie-Fachleuten erwartet worden war. Ursula von der Leyen heftete sich die frohe Botschaft aus dem Statistischen Bundesamt strahlend ans Revers. Reiner Klingholz, Geschäftsführer des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, gibt zwar zu bedenken, dass es für den Geburtenanstieg noch andere Gründe geben kann. Er räumt aber ein, dass auch die Familienpolitik, sprich das neue Elterngeld, eine Rolle spielen könnte. Klingholz nennt das den „Von-der-Leyen-Boom“. Der aber könne schnell wieder verpuffen, wenn der zweite Schritt ausbleibe.

„Die absolute Geldsumme korreliert nicht mit der Kinderzahl“

Denn ein phantastischer Betrag allein, da ist sich die Wissenschaft einig, macht noch keine zufriedenen Eltern und erst recht keinen Babyboom. Klingholz drückt es akademischer aus: „Die absolute Geldsumme korreliert nicht mit der Kinderzahl.“ Was aber ist es dann? Sachleistungen, meint der Forscher. Auch die OECD bemängelt, dass Deutschland einen zu geringen Teil seiner Familienförderung in die Infrastruktur investiere. Das Berlin-Institut hat die Entwicklung der Geburtenzahlen in den Ländern Europas untersucht. Für Klingholz ergibt sich daraus eine glasklare Botschaft: „Frauen wollen heute mit ihren Qualifikationen etwas anfangen“, sagt er. In Ländern, in denen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwerfällt, müssten sie sich zwischen dem einen und dem anderen entscheiden - und wählten häufig den Beruf. „Dort aber, wo sich diese Frage nicht stellt“, sagt Klingholz, „dort sind die Geburtenraten höher.“

Konservative Politiker, fügt er hinzu, möge das verwundern. Aber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und als Folge davon die Gleichstellung von Mann und Frau führten zu mehr Kindern - nicht zu weniger. Wenn Frauen und ihre Partner emanzipierter seien als die Gesellschaft, in der sie leben, heißt es in dem Bericht des Berlin-Instituts, passten Kinderwunsch und Lebensentwurf nicht mehr zusammen. Dort entschieden sich Menschen immer häufiger gegen Kinder. Eine Politik, die den Frauen die Rückkehr an den Herd schmackhaft machen will, kann also kaum der Weg in die Zukunft sein. Sie scheint zum Gebärstreik zu führen, während eine Politik, die auf Vereinbarkeit von Karriere und Kind setzt - durch Krippen, Ganztagsschulen und Anreize für eine gleichberechtigte Verteilung der Erziehungsarbeit -, Erfolge verspricht.

Ehegattensplitting - ein renovierungsbedürftiges Instrument

Ein renovierungsbedürftiges Instrument aus der alten Zeit ist Klingholz' Meinung nach deshalb das Ehegattensplitting. Es belohnt das Verheiratetsein, nicht das Kinderhaben. Und am meisten belohnt es Paare, die das Alleinverdienermodell leben, was immer weniger junge Männer und Frauen wollen. Viele Ökonomen würden einem Familiensplitting den Vorzug geben. Ein weiterer Streitpunkt: Sollen Eltern ungebundene Geldleistungen erhalten, oder soll der Staat das Geld besser behalten und Krippen bauen?

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