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Familienpolitik : Elterngeld zeugt keine Kinder

Bild: F.A.Z.

Mit Milliarden lässt sich die Gebärfreude der Deutschen nicht steigern. Das Elterngeld entpuppt sich als wunderbares Lehrstück für das, was die ökonomische Theorie „Mitnahmeeffekt“ nennt. Familien in Deutschland werden hoch subventioniert.

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          Unsere Freunde bekommen ein Baby. Voller Vorfreude sind sie. Ganz hibbelig, wegen der Zeit danach: Nach Thailand wollen sie mit dem Kleinen, sobald es geht. Zwei Monate Familienzeit. Gemeinsam ausspannen. Trotzdem was erleben. Es klingt toll, wie sie so schwärmen. Ihre Nachbarn waren auch gerade unterwegs, mit Baby quer durch Amerika. Ein Traum, sagen die. Muss man erlebt haben. Und das Beste: Die Reisekasse füllt der Staat. "Mit 1800 Euro Elterngeld im Monat kommt man recht weit."

          Na bravo! Soll jeder fliegen, wohin er will. Ich gönne ihnen alles Glück der Welt und gute Nerven im Dschungel. Aber muss ich ihnen die Luxus-Abenteuer bezahlen? Gibt es einen Grund, dass der Steuerzahler für den Flug nach Phuket aufkommt?

          So war das nicht gedacht mit dem Elterngeld. Mehr Akademiker-Babys wollte Ursula von der Leyen, damals noch Familienministerin, heranziehen, damit wir Deutschen nicht aussterben (oder zumindest intelligent verschlanken).

          Ein Geniestreich, demographisch gesehen, unterlegt mit höchsten Ansprüchen in der Genderfrage: Nicht weniger als der "neue Mann" sollte mit dem Elterngeld gezüchtet werden, Männer, die ihre "Vaterrolle aktiv annehmen", wie die Ministerin seinerzeit schwadronierte. Denn die vollen 14 Monate Elterngeld gibt es nur, wenn der Erzeuger zwei Monate zu Hause bleibt.

          Herausgekommen ist eine milliardenschwere Subvention für die vermeintlich gebeutelte Mittelschicht: Zwei Drittel des letzten Nettolohns spendiert der Staat. Das bedeutet: Um den Höchstsatz von 1800 Euro zu kassieren, bedarf es eines Nettolohns von 2700 Euro - dafür muss eine Friseurin lange föhnen.

          15 Milliarden Euro hat uns dieses Umverteilungsprogramm seit der Einführung im Jahr 2007 gekostet. Und wie immer, wenn der Staat Töpfe aufstellt, hat sich rasch eine Industrie gebildet, um etwas abzuschöpfen von den Fördergeldern.

          Rürup: „Mit Geld werden wir die Gebärfreude nicht steigern können“

          Eine ganze Branche lebt von den staatlich gepamperten Eltern: Reiseführer für die junge Familie verkaufen sich blendend ("Abenteuer Elternzeit"), Väterzentren entstehen, Erste-Hilfe-Kurse für die Kleinfamilie, Vater-Kind-Fitness und Säuglingsyoga.

          Nur mit dem ursprünglichen Zweck der Übung, der Steigerung der Gebärfreude, klappt es nicht so recht: Geld kriegt keine Kinder. Die Jungakademikerinnen lassen sich durch finanzielle Anreize nicht ins Bett zwingen. 1,37 Kinder bekam statistisch gesehen jede Frau, bevor Ministerin von der Leyen aktiv wurde. Monate später bejubelte die CDU-Politikerin bereits das von ihr angerichtete Wunder: Es funktioniert! Kinderlein kommen!

          Nichts da kommt. Die Fertilitätsrate, von der die Experten sprechen, liegt heute bei 1,36 - gar niedriger als zuvor, das Elterngeld entpuppt sich als wunderbares Lehrstück für das, was die ökonomische Theorie "Mitnahmeeffekt" nennt: Subventionen werden laut Definition "in Anspruch genommen als Belohnung für ein Verhalten, das auch ohne den zusätzlichen Anreiz stattgefunden hätte".

          So wie die 3000 Euro Abwrackprämie den Autokauf allenfalls beschleunigt haben, läuft auch das Elterngeld ins Leere. "Mit Geld werden wir die Gebärfreude nicht steigern können", bekennt der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup, der als Regierungsberater einst für das Elterngeld gefochten hatte.

          So offen würde das kein aktiver Politiker zugeben. Das Familienministerium in Berlin sieht sich jedenfalls weiter auf dem richtigen Weg.

          Die Mär von der benachteiligten Familie

          Wissenschaftler sind schnell mit Ausreden zur Stelle. Nicht das Elterngeld sei ein Flop, sagen sie, "makroökonomische Faktoren jenseits der Familienpolitik" seien schuld, wie Nora Reich vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) argumentiert.

          Die Krise war's mal wieder, wer sonst. Nur deshalb verharre sowohl das "reproduktive Verhalten" als auch besagte Fertilitätsrate auf niedrigem Niveau. Und überhaupt: Gesichert könne man jetzt noch gar nichts sagen, schon gar nichts Schlechtes. Erst über die Jahre zeige sich der Effekt des Elterngeldes - und das auch nur, wenn man die "Kohortenfertilitätsraten" zum Maßstab nehme.

          O je, ich möchte gar nicht wissen, zu welcher Kohorte ich da nun wieder zähle. Mit drei Kindern falle ich eh aus der Statistik. Unsere Babys kamen jedenfalls zu früh für das Elterngeld. Kosten und Nutzen haben wir vorab gar nicht kalkuliert. Muss irgendwie mit Gefühlen zu tun haben, mehr als mit Kindergeld, vermute ich.

          Und wenn eine junge Familie sich heute als vom Staat benachteiligte Minderheit bejammert, unterschlägt sie locker 100 Milliarden Euro im Jahr, die der Staat für sie und ihresgleichen ausgibt. Oder 240 Milliarden Euro. Je nachdem, was man alles dazuzählt.

          Zwischen den mehr als 100 familienpolitischen Maßnahmen ging längst der Überblick verloren: Der verbilligte Eintritt ins Schwimmbad ist so selbstverständlich wie der kostenlose Schulbesuch, der Scheck des Steuerzahlers für die örtliche Musikschule nicht minder. Die Steuer ist mit Kindern gnädiger, die gesetzliche Krankenkasse für den Nachwuchs gratis, Erziehungszeiten erhöhen später die Rente. Man muss kein kinderfressendes Ungeheuer sein, um die Familie zur "meistsubventionierten Institution" des Landes zu erklären. Bis 2013 steckt der Bund noch mal vier Milliarden Euro in den Bau von Krippenplätzen. Und ich werde das Gefühl nicht los: Am Geld kann es nicht liegen, dass die Hebammen ohne Sonderschichten auskommen.

          Wenn das Elterngeld dann wenigstens den neuen Mann, den gezähmten Papa, hervorgebracht hätte, wären die Milliarden ja vielleicht gut angelegt. Nur versagt das Elterngeld auch im Geschlechterkampf: Jeder vierte Vater nimmt zwar mittlerweile eine Baby-Auszeit, die Mehrheit aber gerade mal die gesetzlich geforderte Frist von acht Wochen. Nach der Wickelpause bleiben die Frauen weiterhin daheim - und neun von zehn Männern kehren in den Vollzeitjob zurück. Nicht anders als nach einem verlängerten Urlaub. Nur dass ich die Weltreise heute mitfinanziere. Das sehe ich nicht ein: Ich bezahle nicht für euren Urlaub!

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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