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Familienpolitik : „Bei uns wirkt das Elterngeld“

  • -Aktualisiert am

Kindersegen durch Elterngeld? Bild: AP

Ursula von der Leyen macht sich stark für das von ihr entworfene Elterngeld - und für mehr Vätermonate. Ein Beitrag in der Frankfurter Allemeinen Sonntagszeitung der vergangenen Woche hatte dagegen die Ansicht vertreten: Das Elterngeld hilft nur der Unterschicht. Wir führen die Debatte weiter. Eine Replik.

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          Meine drei Kinder sind Kinder der Liebe. Gewollt und willkommen. So wie es bei den meisten – ach was – bei allen Eltern ist. Deshalb halte ich eigentlich eine Kinderprämie für unsinnig und viel zu teuer. Kinderkriegen geht den Staat nichts an. Es sollte Privatsache sein, wann und wie viele Kinder man in die Welt setzt. Aber was nun gegen die Politik der Familienministerin Ursula von der Leyen angeführt wird, ist abstrus (zu den aktuellen Vorschlägen der Ministerin lesen Sie auch: Elterngeld: Von der Leyen will Vätermonate ausweiten).

          Vorwurf 1: Das Elterngeld wirkt nicht.

          Natürlich wirkt es, ich habe es doch bekommen und kann sagen: Der Unterschied zwischen Frau von der Leyen und nicht Frau von der Leyen hat den Gegenwert eines Kleinwagens. Ist die kleine Johanna nun auf die Welt gekommen, weil es ein paar Tausender extra gab?

          Geld ist nicht alles. Ob erwachsene Leute Kinder in die Welt setzen, hängt von vielen Faktoren ab: Wetter, Langeweile, Liebe, Schwiegereltern, Gemüt, misslungene Aufklärung, Verbreitung von Kondomen und Geld. Wer mag, kann die Liste verlängern. Angesichts der vielen Variablen der Fruchtbarkeit war der Versuch der Familienministerin, sich eine geringfügig steigende Geburtenzahl gleich im ersten Jahr des Elterngeldes aufs politische Konto zu buchen, genauso lächerlich wie die Erkenntnis ihrer Kritiker, dass die Mittelschicht immer noch keine Kinder bekommt.

          Darüber, ob sich der mit dem Elterngeld angestrebte Erfolg – mehr Kinder in der Mittelschicht – in messbarer Größe ergibt, können sich die Politiker gerne streiten. Sicher ist: Elterngeld erleichtert die Entscheidung fürs Kind.

          Vorwurf 2: Das Elterngeld regt vor allem die Unterschicht zum Kinderkriegen an.

          Zunächst: Wer soll das sein? Jemand, der wenig verdient? Das kann auch die studierende Mutter sein, die in zehn Jahren eine Arztpraxis führt. Und falls es um leseschwache Sozialhilfeempfänger in der dritten Generation geht, warum sollten die keine Kinder bekommen dürfen? Lasst uns ordentliche Kindergärten und Schulen betreiben, dann werden alle Kinder stark und schlau.

          Doch zurück zum Vorwurf: Sollte etwas dran sein am neuen überproportionalen Kinderreichtum der Unterschicht, dann, dann hat das nichts mit dem Elterngeld zu tun. Vorgänger des Elterngelds war das Erziehungsgeld. Es war für arme Menschen höher als das heutige Elterngeld. Wer wenig oder nichts verdiente, bekam ein Jahr lang 450 Euro im Monat oder zwei Jahre lang 300 Euro im Monat. Das Elterngeld beträgt dagegen für Geringverdiener 300 Euro für maximal 14 Monate.

          Es sind gerade die Menschen mit hohem Einkommen, die Mittelschicht, die überproportional vom Elterngeld profitieren. Auch relativ zum Einkommen. 300 Euro zusätzlich bedeuten für eine alleinerziehende Mutter, die von Hartz IV oder Sozialhilfe lebt, einen Aufschlag zum Haushaltseinkommen von – geschätzt – 25 bis 30 Prozent. Bei größeren Familien ist der relative Aufschlag geringer. Wer arbeitet und für sich selber sorgen kann, erhält Elterngeld, das zwei Drittel des bisherigen Nettoeinkommens entspricht, bis zu 1800 Euro im Monat. Es ist zwar richtig, dass das Einkommen der Familien aus der Mittelschicht trotzdem nach dem Kinderkriegen sinkt. Aber die Einbuße wäre ohne das Elterngeld noch viel größer, was ich aus eigener Erfahrung weiß: Die ersten beiden Kinder haben im ersten Jahr eine finanzielle Lücke gerissen, die – siehe oben – dem Gegenwert je eines Kleinwagens entspricht.

          Vorwurf 3: Das Elterngeld fördert das Modell der erwerbstätigen Mutter und benachteiligt Mütter und Väter, die in den ersten Jahren für ihre Kinder zu Hause bleiben.

          Falsch. Die Eltern müssen ja gerade ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, um in den Genuss des Elterngeldes zu kommen. Und wenn es tatsächlich eine Schlechterstellung des Modells „Vater-geht-arbeiten-Mutter-kümmert-sich-um-die-Kinder“ geben sollte, zum Beispiel bei den Kindern zwei, drei und vier: Was soll’s? Das deutsche Sozialsystem ist eine einzige Besserstellung des Systems Vollzeitmutter.

          Das fängt mit dem Ehegatten-Splitting bei der Steuer an – der Steuervorteil ist am größten, wenn einer gar nichts verdient. In der Rentenversicherung gibt es beachtliche Absicherungen für Witwen und Witwer, die gemindert werden, wenn sie eigene Rentenansprüche erworben haben. Besonders groß ist der Vorteil der „Nur-einer-geht-arbeiten-Familien“ in der gesetzlichen Krankenversicherung. Mutter zahlt den Beitrag, Vater bleibt zu Hause und ist beitragsfrei mitversichert. Gehen dagegen beide arbeiten, zahlen auch beide.

          Ich gebe zu, mein Verständnis für Ministerin von der Leyen ist persönlich gefärbt. Ich bin Profiteur des Elterngeldes. Zehn Monate hat es die Mutter meiner Kinder bekommen, zwei Monate ich selbst. Es war die erste reine Kinderzeit, die ich mir gegönnt habe. Ohne das Elterngeld wäre ich wohl zu geizig gewesen und hätte einige tolle Erfahrungen nicht oder weniger intensiv gemacht. Bevölkerungspolitisch mag das Elterngeld nicht der große Wurf sein. Mir – und ich glaube auch Johanna – hat es trotzdem Freude gemacht.

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