https://www.faz.net/-gqe-qev5

Familienpolitik : An Akademikern geht die finanzielle Familienförderung vorbei

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Kinder sind für wohlhabende Eltern in Deutschland eine Konsumbremse. Renate Schmidt fordert deshalb eine Steuererleichterung. Die Familienministerin stützt sich mit ihren Plänen auf eine aktuelle Studie.

          Familienministerin Renate Schmidt (SPD) hat sich für ihre Pläne, die finanzielle Förderung der Familien neu zu gestalten und ein einjähriges, einkommensabhängiges Elterngeld einzuführen, Unterstützung von der Wissenschaft geholt.

          Vor allen an gutverdienenden Akademikerfamilien gehe die bisherige Förderung vollkommen vorbei, heißt es in einer Studie des Forschungsinstituts Empirica im Auftrag des Familienministeriums. „Im wirtschaftlichen Ergebnis tragen die einkommensstärkeren Familien ihre Kinderkosten zu 100 Prozent allein“, schreiben die beiden Verfasser der Studie, Ulrich Pfeiffer und Reiner Braun. Gerade Akademikerfamilien seien im Vergleich zu Kinderlosen massiv benachteiligt. „Reiche individualistische Wohlstandsgesellschaften mit wachsenden Qualifikationen der Erwerbstätigen werden bei Benachteiligung der Familien gegenüber Kinderlosen so zu Gesellschaften der Armut an Kindern“, heißt es in der Studie, die am Mittwoch in Berlin bekanntgemacht wurde.

          Wohlstandsverluste durch hohe Erziehungskosten

          In Deutschland sind rund ein Drittel der Frauen des Geburtsjahrgangs 1965 kinderlos. Bei den Akademikerinnen sind es sogar 41 Prozent. Das habe auch mit den massiven Wohlstandsverlusten durch die hohen Erziehungskosten zu tun (siehe Grafik). Während kinderlose Paare über ihr ganzes Erwerbsleben hin ständig mehr Einkommen zur Verfügung hätten, müßten Akademikerfamilien nach der Geburt von Kindern einen Einkommenseinbruch verkraften, den sie nicht wieder aufholen.

          Renate Schmidt setzt sich für einkommensstärkere Eltern ein

          Pfeiffer und Braun schlagen der Ministerin vor diesem Hintergrund vor, auch für Besserverdienende über die Anerkennung relevanter Werbungskosten und über hohe Freibeträge „die direkten Kinderkosten auf ein erträgliches Maß zu reduzieren“. Außerdem müßten die Einrichtungen zur Kinderbetreuung ausgebaut werden, um Akademikern die Vereinbarkeit von Familien und Beruf zu erleichtern.

          Einkommensstärkere Eltern sind benachteiligt

          Die Zeit dränge, denn erstmals wünschten sich die Frauen zwischen 20 und 34 Jahren statt wie bisher zwei bis drei nur noch ein Kind oder zwei Kinder. „Kinderlosigkeit erscheint vielen nicht mehr als Unglück oder Mangel“, schreiben Pfeiffer und Braun. Kinder seien aus Sicht der Gesellschaft zu einer immer knapper werdenden Investition geworden, deren Finanzierung den Eltern aus dringendem Interesse der Gesellschaft zum Teil abgenommen werden müsse. „Nicht die Belastbarkeit der Eltern, sondern die Knappheit an Kindern muß Maßstäbe für die Mitfinanzierung liefern.“ Den bislang geltenden Grundsatz der Familienpolitik, daß der Staat die Kinder der Reichen nicht stärker fördern dürfe als die Kinder der Armen, lehnen die Verfasser der Studie ab.

          Einkommensstärkere Eltern hätten dramatisch weniger für den eigenen Konsum zur Verfügung als vergleichbare Kinderlose. Während einer alleinerziehenden Arbeiterin die Bruttokosten von rund 74.000 Euro für die Erziehung eines Kindes durch staatliche Hilfen von rund 71.000 Euro fast vollständig ersetzt würden, bekomme ein Akademikerpaar mit zwei Kindern, das 267.000 Euro Kosten habe, nur 68.000 Euro Unterstützung. „Die Bilanz gegenüber dem Staat ist bei Haushalten mit niedrigen Einkommen deutlich günstiger“, heißt es in der Studie: „Hier wird der Charakter der bisherigen Familienpolitik als Sozialpolitik besonders sichtbar.“

          Kinder als rentables Investitionsgut

          Eine „spezielle Geburtenpolitik“ sollte nach Ansicht Pfeiffers und Brauns daher künftig auch „sehr spezialisiert“ ansetzen. Sie schlagen hohe Kinderfreibeträge für das dritte und jedes weitere Kind vor. „Im äußersten Fall könnten Kinder durch staatliche Anreize zu einem rentablen Investitionsgut werden.“

          Eine verbesserte Lebensökonomie der Familien sollte allerdings eher das Ergebnis einer stärkeren Anerkennung und Achtung der Familien sein, schreiben die Verfasser der Studie - „kein Tauschhandel um höhere Geburten“. Familienministerin Schmidt will Anfang 2006 ihre Pläne für ein einkommensabhängiges Elterngeld vorstellen.

          Weitere Themen

          Spielt China seinen nächsten Trumpf aus?

          Handelskonflikt : Spielt China seinen nächsten Trumpf aus?

          Mitten im Handelskrieg der beiden größten Wirtschaftsmächte verkauft Peking so viele amerikanische Staatsanleihen wie seit Jahren nicht mehr. Zieht China seine „nukleare Option“?

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Thomas Holl

          FAZ.NET-Sprinter : Sorge vor neuem rechtsextremem Terror

          Wie real ist die Gefahr eines neuen rechtsextremen Terrornetzwerks nach dem Mordfall Lübcke? Wer profitiert vom geplanten Abbau des Solidaritätszuschlags? Und warum lohnt sich das Sammeln antiker Münzen? Der FAZ.NET Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.