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Fall Gerster : "Eine Kampagne, die der Volkswirtschaft schadet"

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„Man kann ein Auto nicht von innen anschieben” Bild: dpa

Unternehmensberater Roland Berger verteidigt im F.A.Z.-Interview seine Tätigkeit für die Bundesagentur für Arbeit. Heftige Kritik übt er an der CDU.

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          Obwohl das Geschäft mit Ministerien und öffentlichen Betrieben nur 6 Prozent des Geschäfts von Roland Berger ausmacht, sorgt es regelmäßig für Schlagzeilen. Und obwohl der Firmengründer und Aufsichtsratsvorsitzende Roland Berger im operativen Geschäft nicht mehr mitwirkt, steht er immer wieder im Mittelpunkt der Diskussion. Jüngste Vorwürfe richten sich auf Beraterverträge, die angeblich ohne Ausschreibung an Berger vergeben wurden, sowie auf dessen Einflußnahme auf die Vergabe von öffentlichen Aufträgen.

          Wieder sind Vorwürfe laut geworden, Sie hätten Beratungsaufträge für die Bundesagentur für Arbeit ohne Ausschreibung, also rechtswidrig, erhalten.

          Bei den betreffenden Aufträgen handelt es sich um Anschlußaufträge, deren Volumen 50 Prozent unter dem des Ursprungsauftrags liegen. Von rechtswidriger Vergabe kann also aus unserer Sicht nicht die Rede sein. Demnach war alles mit EU-Vergaberecht konform.

          Ist das Geschäft mit dem öffentlichen Sektor angesichts der heftigen öffentlichen Diskussion eigentlich wirklich lohnend für Roland Berger?

          Derzeit ist das Geschäft jedenfalls nicht vergnügungssteuerpflichtig. Die Beratung im öffentlichen Sektor zählt auch nicht zu unseren ertragreichsten Geschäftsfeldern. Dennoch gibt es gute Gründe, diesen Sektor nicht links liegen zu lassen. Zum einen erwarten wir hier noch einiges Wachstum. Zum anderen sehen wir uns in der gesellschaftlichen Verantwortung. In einem Land wie Deutschland, mit seiner hohen Staatsquote, seinen hohen Steuern und Abgaben sowie starker Bürokratisierung, muß man sich auch als Berater engagieren und versuchen, Mißstände zu beseitigen.

          Wenn es um Beratung im öffentlichen Sektor geht, gerät immer wieder Roland Berger in die Schlagzeilen, und nicht in dem Maße McKinsey, obwohl letztere ebenso engagiert auf diesem Feld sind. Haben Sie dafür eine Erklärung?

          Durch diese Kampagne versucht die CDU den Eindruck zu erwecken, die Regierung sei ohne fremde Hilfe handlungsunfähig. Dabei umgibt Frau Merkel sich selbst mit McKinsey-Beratern, aber darüber redet niemand. Die CDU weiß also selbst auch, wie man Verträge im öffentlichen Sektor vergibt. Ich kann nur hoffen, daß ihre sauber ausgeschrieben wurden. Das Schlimme an der Kampagne ist, daß Politiker und Behördenchefs künftig möglicherweise zögern werden, Berater zu engagieren. Viele wichtige Vorhaben bleiben nun liegen, und das in einem Sektor, der ohnehin nicht für schnelles Handeln bekannt ist. Damit trägt die CDU, die sich gern als treibende Kraft des Fortschritts in Deutschland darstellt, maßgeblich zur Zementierung des Ist-Zustandes bei. Außerdem erinnere ich daran, daß Herr Seehofer aus der von Frau Merkel berufenen Herzog-Kommission ausgetreten ist, weil seiner Aussage nach die Entscheidungen dort von den vielen McKinsey-Beratern getroffen wurden und nicht von den Kommissionsmitgliedern. Kein Wunder also, daß die CDU in ihrer Kampagne McKinsey ausspart, obwohl letztere sowohl in der Hartz-Kommission saßen als auch ein Drittel mehr Aufträge von der BA erhalten haben als wir.

          Mehr als 12 Millionen Euro Honorar allein für die Bundesagentur für Arbeit - wie sehen Beratungsprojekte aus, die ein derart üppiges Volumen haben?

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