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Fachkräftemangel : Vier Buchstaben und zwei einfache Wahrheiten

Platz für mehr Studenten: In den Ingenieurwissenschaften werden gute Leute gesucht Bild: AP

„Man kann Hunde nicht zum Jagen tragen und auch nicht jeden Abiturienten zum Ingenieur ausbilden“ - so formuliert der Präsident des Verbands der technischen Universitäten eine Facette des Fachkräftemangels. Doch es gibt Impulse, die mehr Studenten in die Ingenieurwissenschaften locken können.

          Mint ist allgegenwärtig. Ohne das Kunstwort, gebildet aus den Anfangsbuchstaben der Fächer Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften, kommt kein Bericht über die Lage der Hochschulen mehr aus. Schließlich ist die Zukunft der deutschen Wirtschaft eng mit den Absolventen aus diesen vier Fächern verbunden. Doch seit Jahren gibt es zu wenige von ihnen, die Unternehmen klagen über einen Mangel an Ingenieuren. Um das zu ändern, will das Bundesbildungsministerium schon Elftklässler mit einem „Mintoring-Programm“ von den Vorzügen der vier Fächer überzeugen. Und ein „Nationaler Pakt für Frauen in Mint-Berufen“ soll das traditionell unausgeglichene Geschlechterverhältnis in die Waage bringen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum nur schreiben sich nach Ansicht der Wirtschaftsverbände nicht genug Erstsemester für die Fächer ein, die ihnen später beste Berufsaussichten bieten werden? Aachens Hochschulrektor Ernst Schmachtenberg, der amtierende Präsident des Verbands TU 9, zu dem sich die neun großen technischen Universitäten in Deutschland zusammengeschlossen haben, gibt eine erfrischend einfache Antwort. „Man kann Hunde nicht zum Jagen tragen und auch nicht jeden Abiturienten zum Ingenieur ausbilden.“ Kein noch so gutes Förderprogramm könne Begabung und Freude an der Technik ersetzen. Die aber bringt nach Schmachtenbergs Einschätzung höchstens jeder dritte Studienanfänger mit – und das entspricht wiederum ziemlich genau dem Anteil der Erstsemester, die sich zuletzt für ein Mint-Fach entschieden haben.

          Die Hochschulen drängen trotzdem auf Auswahlprüfungen, um die geeigneten Kandidaten herauszufiltern. So lasse sich auch die Abbrecherquote senken, beteuern sie. In Aachen etwa schaffte es zuletzt kaum mehr als die Hälfte aller ingenieurwissenschaftlichen Erstsemester bis zum Abschluss. Ähnliche Quoten melden viele andere Universitäten; an den Fachhochschulen, an denen rund zwei Drittel der in Deutschland ausgebildeten Ingenieure ihr Examen ablegen, sieht es nicht anders aus. „Wir produzieren zu viele Nichtabsolventen“, räumt Ernst Schmachtenberg ein. „Bis 2017 müssen wir die Erfolgsquote auf 75 Prozent steigern.“

          Eine der Schwächen des deutschen Bildungssystems

          Die hohe Zahl der Abbrecher – Schätzungen zufolge verursacht sie einen volkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 2,2 Milliarden Euro im Jahr – ist neben der langen Studiendauer eine der Schwächen des deutschen Bildungssystems, denen die europäische Hochschulreform zu Leibe rücken sollte. 1999 von 29 Bildungsministern in Bologna vereinbart, sieht sie die Einführung eines zweiteiligen Studiums vor: Der Bachelorabschluss nach gewöhnlich sechs Semestern soll den Einstieg ins Berufsleben oder den Übergang in ein Masterstudium mit zumeist vier zusätzlichen Semestern ermöglichen. Ein weiteres Ziel der Reform war es, Studium und Beruf stärker zu verzahnen. So löblich das klingt, so heftig fiel die Kritik aus: Studenten und Professoren sind gegen die Reform auf die Straße gegangen.

          Auch gegen die Abschaffung des Titels „Diplom-Ingenieur“ laufen viele Fachvertreter Sturm. Wie berechtigt die Aufregung ist, stellen manche Untersuchungen allerdings in Frage. „Maschinenbau bleibt Maschinenbau“, bilanziert etwa der Hochschulforscher Martin Winter von der Universität Halle-Wittenberg seine Analyse von Lehrplänen vor und nach der Umstellung auf die neue Studienstruktur, in der inzwischen mehr als die Hälfte aller ingenieurwissenschaftlichen Studenten eingeschrieben sind. Die Unterschiede seien gering. „Bologna ist keine Jahrhundertreform“, sagt Winter deshalb. „Schon eher eine Vierteljahrhundertreform.“

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