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Fachkräftemangel : Personalnot macht erfinderisch

Länger fit: Thyssen-Krupp bietet für seine Stahlkocher „Gesundheitsschichten” an Bild: dpa

Viele Unternehmer stellen sich schon auf den demographischen Wandel und einen Fachkräftemangel ein. Manche interessante Idee ist derzeit in der Erprobungsphase. Zum Beispiel Modelle, in denen sich mehrere Betriebe bestimmte Fachkräfte teilen.

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          Landwirte sind praktische Menschen. Wenn sich der Kauf einer teuren Maschine für einen allein nicht lohnt, dann wird eben der benötigte Zuckerrübenernter im Verbund angeschafft und reihum genutzt. Und warum soll dieses Prinzip nicht auch mit Mitarbeitern und Auszubildenden funktionieren? In der südbrandenburgischen Region Spreewald teilen sich rund 40 Arbeitgeber ihr Personal, zumindest einige Fachkräfte. Da arbeitet eine Lohnbuchhalterin zwei Tage in dem einen Betrieb und den Rest der Woche in einem anderen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          „So sind die Leute gut ausgelastet und auch besser abgesichert, wenn es mal einem Arbeitgeber nicht so gut geht“, sagt Sigrid Wölfing vom Arbeitgeberzusammenschluss Spreewald. Das wichtigste Argument für den Verbund aber lautet: In einer Region, die von Alterung und Abwanderung übermäßig stark betroffen ist, gibt es immer weniger Fachkräfte. Wer da allein agiert, kann womöglich bald gar nicht mehr alle Stellen besetzen.

          In Frankreich sind solche Arbeitskräftepools (“groupements d'employeur“) schon etabliert, in Deutschland sehen sich die Spreewälder noch als Pioniere. Wölfing baut derzeit auch einen Ausbildungsverbund für die Landwirtschaft auf. Dadurch soll der Beruf für potentielle Kandidaten attraktiver werden. Denn die werden immer weniger: „Mittlerweile kommen nicht mal mehr die, die früher keiner wollte“, berichtete Wölfing auf einer Fachtagung in Stendal. Deshalb will man in den Schulen kräftig für eine Zukunft in der Landwirtschaft die Werbetrommel rühren.

          „Ein Patentrezept gibt es nicht“

          Es tut sich etwas in den Personalbüros im Lande. „In den vergangenen zehn Jahren sind viele Unternehmen bei den Themen demographischer Wandel und drohender Fachkräftemangel aufgewacht“, sagt Alexander Böhne von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Das Problem habe den Sprung aus den Sonntagsreden in den betrieblichen Alltag geschafft. In einem Fünf-Länder-Vergleich des Personaldienstleisters Adecco, der dafür einen Demographie-Fitness-Index berechnete, landeten die deutschen Unternehmen immerhin gemeinsam mit den Briten auf dem ersten Platz.

          Längst seien es nicht mehr nur die international agierenden Konzerne, die sich auf die Herausforderung durch alternde Belegschaften und weniger Berufsanfänger einstellen, sagt Böhne. Auch der Mittelstand erkenne zunehmend, welch gewaltige Aufgabe da vor ihm liegt. In den kommenden 20 Jahren schrumpft das Potential an Arbeitnehmern um 6 Millionen. Gerade in ländlichen Regionen klagen Personalverantwortliche schon heute über einen Mangel an ausreichend qualifizierten Bewerbern. Es setzt sich aber auch die Erkenntnis durch, dass ein frühes erfolgreiches Gegensteuern die Wettbewerbssituation auf dem Personalmarkt von morgen entscheidend verbessern kann.

          Die große Frage lautet jetzt: Was ist zu tun? „Ein Patentrezept gibt es nicht“, fasst Böhne eine wichtige Erkenntnis nach Jahren des Herumexperimentierens mit verschiedenen Personalmaßnahmen zusammen. Dafür seien die Bedürfnisse der einzelnen Unternehmen zu verschieden. Für Handwerksbetriebe oder die Industrie spiele es eine große Rolle, wie körperlich hart arbeitende Menschen möglichst lange gesund bleiben und damit im Beruf gehalten werden können. Der Stahlkonzern Thyssen-Krupp etwa habe gerade eine regelmäßige „Gesundheitsschicht“ eingeführt, in der die Arbeiter statt in die Produktion in eine medizinische Beratungsstunde gehen. Andere Betriebe führten unter Azubis einen Gesundheitscheck durch und sprächen, falls nötig, auch mal Ernährungstipps aus. Getreu dem Motto: Nur mit Fast Food hält niemand bis 67 durch. Ein Mittelständler von der Schwäbischen Alb wiederum habe auf ausbleibende Bewerber reagiert, indem er die Firmenvilla in Familienbesitz zu einer Kindertagesstätte umbaute.

          Demographische Fitness wird zum Standortfaktor

          Dass die demographische Fitness zu einem echten Standortfaktor werden und über den Wohlstand von Ländern und Regionen entscheiden kann, davon ist man auch in Rheinland-Pfalz überzeugt. „Das ist für unsere mittelständisch geprägte Wirtschaft die größte Herausforderung“, sagt Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD). Deshalb hat das Land zusammen mit dem Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) ein Programm gestartet, an dem elf Unternehmen teilnehmen und Strategien für eine „lebensphasenorientierte Personalpolitik“ entwickeln. Dabei werden Ansätze für alternde Belegschaften zu Themen wie Wissenstransfer, Nachfolgeplanung oder Beförderungsregeln entwickelt. „Wichtig ist, dass alles praxisnah geschieht und von anderen kopiert werden kann“, sagt IBE-Direktorin Jutta Rump.

          Ein besonders interessantes Projekt ist dabei im Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim angelaufen. Es geht darum, Kosten und Nutzen der Personalpolitik sichtbar zu machen und in die Managementsprache zu übersetzen. „Uns war von Anfang an klar, dass das Controlling bedeutet“, sagt Rump. Deshalb hat sie mit einer Mannschaft aus Wissenschaftlern, Personalverantwortlichen und Controllern eine sogenannte Balanced Scorecard erstellt. Vereinfacht gesagt wurden die Investitionen und laufenden Kosten aller Vorhaben zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie - etwa zur Kinderbetreuung - addiert und den angenommenen Kosten gegenübergestellt, welche entstünden, wenn man nichts tun würde.

          Genaue Ergebnisse will das Unternehmen erst nach dem Projektende im Frühjahr vorstellen. Doch schon jetzt lasse sich absehen, dass die Unterlassungskosten deutlich höher lägen, verrät Rump. „Das ist richtig viel Geld.“ Vor allem die Beschaffungskosten für eine Fachkraft von bis zu 50 000 Euro schlügen deutlich zu Buche. Außerdem verliere eine Frau - und damit auch das Unternehmen - mit jedem Jahr, das sie nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleibe, 15 Prozent ihres Wissens. Die Ergebnisse des Projektes will Rump im kommenden Jahr in ein standardisiertes Verfahren überführen, „damit wir nicht nur schöne Leuchttürme produzieren“.

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