Fachkräftemangel : Deutschland wirbt wieder Arbeitskräfte an
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Neue Pflegekräfte könnten demnächst von den Philippinen kommen statt aus Polen oder Tschechien Bild: dpa
30.000 Pfleger fehlen in Deutschland. Nun sollen Fachkräfte aus Tunesien oder den Philippinen Abhilfe schaffen. Doch die neue Anwerbeaktion unterscheidet sich von den frühen Gastarbeiterwellen.
Die Not ist groß: Vierzig Jahre nach dem Anwerbestopp für Gastarbeiter will die Bundesregierung wieder verstärkt Arbeitskräfte aus dem Ausland ansprechen. In Griechenland, Italien, Portugal, Serbien, Bosnien-Herzegowina, den Philippinen und Tunesien wirbt sie um Unterstützung für den Pflege- und Gesundheitsbereich.
Doch mit der Gastarbeiterwelle der fünfziger und sechziger Jahre ist die neue Initiative kaum vergleichbar. Um einen generellen Arbeitskräftemangel zu lindern, schloss die Regierung Adenauer 1955 das erste Anwerbe-Abkommen mit Italien. Sieben weitere Verträge folgten. Von 1962 bis 1973 kamen rund 8,8 Millionen Gastarbeiter aus Südeuropa, der Türkei oder dem früheren Jugoslawien und schraubten in deutschen Fabriken.
Gesucht werden nun ausgebildete Spezialisten. 5,5 Millionen Fachkräfte fehlen im Jahr 2025 Schätzungen zufolge in Deutschland. Derzeit fehlen hierzulande 30.000 Pfleger in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen. Eine wichtige Stütze sind schon Pflegekräfte aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn, deren Zahl allein in den vergangenen zwei Jahren von 15.000 auf rund 21.000 stieg.
Weg vom Krieg
2011 kamen knapp zwei Drittel der Migranten, die nach Deutschland einreisten, aus der EU. Getrieben von den Auswirkungen der Schuldenkrise und der hohen Arbeitslosigkeit in den Krisenländern stieg die Zahl der Einwanderer aus Spanien, Portugal und Griechenland sprunghaft an. Schon jetzt werden in zahlreichen regionalen Projekten wie in Offenbach Migrantinnen mit Unterstützung des Europäischen Sozialfonds zu Altenpflegerinnen umgeschult. Abordnungen aus Hessen oder Rheinland-Pfalz reisten nach Madrid und Valencia, um arbeitslose Spanier von einem Umzug in die Wetterau oder ins Mainzer Umland zu überzeugen.
Mit Tunesien, Serbien und Bosnien-Herzegowina hat die Bundesregierung zudem Regionen in den Blick genommen, die bereits Ziel der frühen Anwerbe-Aktionen waren. Für die Serben ist der Weg nach Deutschland durchaus eine Alternative: Die Folgen des Jugoslawienkriegs sind noch immer spürbar. Das Land mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern leidet unter hoher Arbeitslosigkeit, die Wirtschaft schrumpft.
Doch der Fachkräftemangel ist groß, und der Radius wird größer. Bis auf den Philippinen wirbt die Bundesregierung in ihrer Fachkräfte-Offensive um Arbeitskräfte. Philipinas, die in den Haushalten in den Vereinigten Arabischen Emiraten für Ordnung sorgen oder in Singapur die Böden schrubben, sind schon lange eine wichtige Einnahmequelle für ihr Heimatland. Mit ihren Heimatüberweisungen machen die philippinischen Gastarbeiter mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts des südostasiatischen Schwellenlandes aus. Die asiatischen Migranten liegen nach Berechnungen der Weltbank deutlich vor den Gastarbeitern aus Lateinamerika oder Afrika.
Länder in Asien machen dicht
Deutschland könnte sich dabei durchaus zu einem attraktiven Ziel für die philippinischen Gastarbeiter entwickeln. Denn die Konjunktursorgen in Asien wachsen. Bislang als relativ wohlhabend geltende Länder wie Thailand, Malaysia und Singapur könnten ihre Anziehungskraft für die Armen in der Region verlieren. Erste Regierungen versuchen nun, ihre Gastarbeiter wieder loszuwerden.
Malaysia, wo Gastarbeiter etwa 16 Prozent der Arbeitskräfte ausmachen, ist dazu übergegangen, illegale Arbeitsmigranten auszuweisen. Der neue harte Kurs in der Zuwanderungspolitik des Stadtstaates Singapur hat schon für Proteste in Handelskammern und Botschaften gesorgt.
Die Bundesregierung hat bereits den Fuß in der Tür. In einem Pilotprojekt arbeitet sie seit Anfang des Jahres daran, auch Fachkräfte aus Indonesien und Vietnam anzulocken. Mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sollen Berater Fachkräfte vor Ort in diesen Ländern ansprechen, die zu den traditionellen Herkunftsländern asiatischen Gastarbeiter gehören.