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F.A.Z. exklusiv : Weniger als jeder Fünfte ist Gewerkschafter

Alles bereit für den 1. Mai Bild: dpa

Der Organisationsgrad der Gewerkschaften in Deutschland ist gering. Während Beamtenbund und Lokführer etwas zulegen, bröckelt der Rückhalt des DGB.

          3 Min.

          Weniger als jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland ist gewerkschaftlich organisiert. Im Durchschnitt aller Branchen und Tarifbereiche waren 18,9 Prozent der Beschäftigten im Jahr 2015 Mitglied einer Gewerkschaft. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der F.A.Z. vorliegt. Insgesamt ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Vergleich zum Jahr 2011 zwar leicht gestiegen. Doch gehen die Zuwächse vor allem auf das Konto des DBB Beamtenbundes, während der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit seinen acht Branchengewerkschaften Mitglieder verloren hat.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der DGB will in diesem Jahr mit seinen Kundgebungen am 1. Mai Stärke und Einigkeit der Gewerkschaftsbewegung besonders herausstellen. Unter dem Motto „Wir sind viele. Wir sind eins“ wollen sich Gewerkschafter in allen Städten versammeln, um für ihre Ziele einzutreten. Der Feiertag steht diesmal auch im Zeichen des Wahlkampfs. An der Hauptkundgebung mit DGB-Chef Reiner Hoffmann in Gelsenkirchen nimmt auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) teil. Von der Politik fordern die Gewerkschafter unter anderem höhere Renten sowie gesetzliche Regelungen, die mehr Unternehmen an Tarifverträge binden.

          30.000 mehr als 2011

          Wie die Auswertung zum Organisationsgrad weiter zeigt, gehören jüngere Beschäftigte deutlich seltener einer Arbeitnehmervertretung an als ältere. In der Altersgruppe bis 40 Jahre lag der Anteil unter 14 Prozent. Allein die „Generation 50plus“ zieht den Durchschnittswert nach oben: In der Altersgruppe von 51 Jahren bis zum Ruhestand waren 25,9 Prozent der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft. Zugleich sind Frauen und Teilzeitkräfte zu deutlich geringeren Anteilen gewerkschaftlich organisiert als Männer und Vollzeitbeschäftigte. Deren Organisationsgrade liegen knapp über 20 Prozent.

          Datenbasis der IW-Auswertung ist das renommierte Sozio-oekonomische Panel. Unter Führung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) werden dafür jährlich 30.000 Bürger zu ihren Lebensverhältnissen befragt. Die Frage nach der Gewerkschaftsmitgliedschaft wird dabei nicht regelmäßig gestellt, nun war dies erstmals seit 2011 wieder der Fall. Seinerzeit war ein Organisationsgrad von 18,2 Prozent gemessen worden.

          Diese Erhebung liefert nicht unmittelbar Aufschluss über die Entwicklung für die einzelnen Gewerkschaften, denn es wird nur abgefragt, ob jemand Gewerkschaftsmitglied ist oder nicht. Doch erlauben die Mitgliederstatistiken einige Rückschlüsse: Der DGB mit seinen acht Einzelgewerkschaften, darunter IG Metall und Verdi, vertrat 2015 knapp 6,1 Millionen Mitglieder, 60.000 weniger als 2011. Der DBB Beamtenbund, zu dem auch die Lokführergewerkschaft GDL gehört, zählte knapp 1,3 Millionen Mitglieder, 30.000 mehr als 2011. Diese Zahlen beinhalten aber auch Ruheständler, die für den Organisationsgrad der Arbeitnehmer keine Rolle spielen. Dafür berücksichtigt die IW-Auswertung außerdem Beamte.



          „Neue Mitglieder gewinnen die Gewerkschaften dadurch nicht.“

          Neben unterschiedlichen Arbeitsmarktentwicklungen in den Branchen stehen hinter den Zahlen auch verschiedene gewerkschaftliche Strategien, wie IW-Tarifforscher Hagen Lesch analysiert: So habe die IG Metall das Konzept einer „basisdemokratischen Mitmachgewerkschaft“, dagegen bemühe sich Verdi um ein „Organisieren am Konflikt“. Beispiel dafür ist der große Streik der Erzieherinnen von 2015, der Verdi zeitweilig mehr als 25.000 neue Mitglieder bescherte. Schon damals hatte Verdi-Chef Frank Bsirske aber betont: Entscheidend werde sein, die neuen Mitglieder auch auf Dauer zu halten.

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          Nach Leschs Urteil ist „die Verankerung der Gewerkschaften in der deutschen Arbeitnehmerschaft insgesamt schwach“. In vielen Dienstleistungsbranchen und im Handwerk sinke ihre Durchsetzungskraft – was sich sehr negativ auf das Tarifvertragssystem auswirke. Denn wo Gewerkschaften keinen Druck mehr in den Betrieben aufbauten, sähen diese keinen Anlass mehr, sich in Arbeitgeberverbänden um Branchentarifverträge zu bemühen. Der Ruf nach einem gesetzlichem Zwang zur Tarifbindung sei aber keine Lösung. Das sei „nichts anderes als ein Eingeständnis der eigenen Ohnmacht“, warnt Lesch. „Neue Mitglieder gewinnen die Gewerkschaften dadurch nicht.“

          Diese führen oft an, dass eine Ausweitung sogenannter unsteter Arbeitsverhältnisse – etwa befristeter – das Organisieren von Mitgliedern erschwere. Laut Statistischem Bundesamt ist aber zumindest ein recht hoher Anteil der Arbeitsverhältnisse stabil: Im Jahr 2015 waren 45 Prozent aller Arbeitnehmer über 25 Jahre mindestens zehn Jahre lang beim selben Arbeitgeber angestellt, wie die Behörde am Freitag meldete. In Büro- und Verwaltungsberufen waren es sogar 50,3 Prozent, doch selbst unter Hilfsarbeitern und in Verkaufsberufen waren immerhin ein Drittel schon zehn Jahre ohne Arbeitgeberwechsel dauerhaft beschäftigt.

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