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Minus-Zinsen : Wie die Banken reagieren

EU-Symbol vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main Bild: AFP

Die EZB wird einen wichtigen Zins wahrscheinlich unter null Prozent senken. Was bedeutet das? Und was ist die Kreditkanone? Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Zentralbanksitzung.

          4 Min.

          Die EZB wird höchstwahrscheinlich den Leitzins von 0,25 Prozent senken. Was bringt das für die Realwirtschaft?

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nicht viel. Selbst im EZB-Direktorium heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass so eine Mini-Zinssenkung auf vielleicht 0,15 oder 0,1 Prozent nur symbolischen Wert habe. Der frühere EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark spricht von Kosmetik. Durch den Zinsschritt würden die Kreditkosten für mittelständische Unternehmen in Südeuropa sich kaum ändern. Dort schrumpft das Kreditvolumen seit längerem. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

          „Es sind eher überschuldete Unternehmen beziehungsweise hohe Kreditrisiken, die in den Peripherieländern eine Ausweitung der Kreditvergabe verhindern“, sagt Michael Kemmer, Chef des deutschen Bankenverbands BdB. In der EZB heißt es deshalb, der Kreditfluss und der Interbankenmarkt würden wohl erst dann wieder richtig in Gang kommen, wenn mit der Bankenprüfung alle faulen Kredite und Bilanzposten aufgedeckt und bereinigt worden seien.

          Erstmals könnte die EZB einen negativen Einlagenzins von Banken erheben, die Geld bei der Zentralbank parken. Wie werden die Banken reagieren?

          Es wird Ausweichreaktionen geben. Vermutlich werden viele Banken ihre überschüssige Liquidität aus der Einlagenfazilität der EZB abziehen. Aktuell beträgt die Überschussliquidität noch gut 150 Milliarden Euro, im Monatsdurchschnitt waren es 110 Milliarden Euro. Würde die EZB darauf 0,1 Prozent Minus-Zins erheben, müssten die Banken im Jahr immerhin 110 Millionen Euro „Parkgebühr“ zahlen.

          Aber die Banken werden wohl nicht untätig bleiben, sondern ihre Liquiditätspolster weiter verringern, um die Strafzinsen zu vermeiden, erwartet Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Denkbar ist auch, dass die Banken überschüssige Liquidität nicht mehr bei der EZB parken, sondern einfach Bargeld in ihren Tresoren halten. Allerdings stößt das an Grenzen. Der Bargeldumlauf ist zu gering, außerdem verursacht es Sicherheitsprobleme, Lagerungs- und Bewachungskosten.

          Wird der Minus-Einlagenzins die Kreditvergabe der Banken ankurbeln?

          Das kann sein. Bundesbank-Chef Jens Weidmann hat sich vorsichtig dahingehend geäußert, dass der Negativzins den Interbankenmarkt und die Kreditvergabe belebt, aber er hat auch die Kehrseiten aufgezählt, etwa die Gefahr, dass die Kosten eines Negativzinses an Kunden weitergereicht werden. Viele Fachleute glauben nicht, dass die Banken unter dem Strich mehr und günstigere Kredite vergeben werden. Jaime Caruana, Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, des Dachinstituts der Zentralbanken, sagt: „Ich wäre mit diesem Instrument sehr vorsichtig.“ Die Folgen negativer Zinsen seien „alles andere als klar“.

          Drohen negative Zinsen auch für die Verbraucher, also für die Sparer?

          Wahrscheinlich nicht. Bisher sind die meisten Banken an den Einlagen der Privatkunden als Refinanzierungsquelle interessiert. Die Commerzbank zum Beispiel zahlt jedem neuen Kunden für ein Girokonto mit Gehaltszugang 100 Euro „Begrüßungsgeld“. Zu einer solchen Geschäftspolitik würde ein Strafzins schlecht passen. Auch die Verbände der Sparkassen und der Volks- und Raiffeisenbanken haben versprochen, dass ihre Mitgliedsinstitute den Privatkunden keine negativen Einlagenzinsen belasten werden.

          Aber die entstehenden Kosten aus der EZB-Einlage können die Banken auf die Privatkunden an anderen Stellen überwälzen: Höhere Gebühren und Kreditkosten hält Stefan Winter, Vorsitzender des Verbandes der Auslandsbanken und Mitglied im deutschen Vorstand der Schweizer Bank UBS, für möglich. „Wir haben in Volkswirtschaften mit Negativzinsen immer wieder beobachten können, dass die Kreditkosten gestiegen sind“, sagt Winter. So war es zum Beispiel in Dänemark, wo die Zentralbank von Juli 2012 bis Frühjahr 2014 Negativzinsen ausprobierte. Die Geldmarktzinsen fielen etwas, aber Unternehmenskredite wurden teurer.

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