https://www.faz.net/-gqe-83dg3

EZB-Präsident : Draghi warnt vor den Folgen der Geldpolitik

EZB-Präsident Mario Draghi Bild: AP

EZB-Präsident Mario Draghi hat erstmals öffentlich und ausführlich über mögliche kritische Nebeneffekte einer lockeren Geldpolitik gesprochen. Der Erfolg dürfe nicht blind machen für die Risiken für die Vermögensverteilung und Finanzstabilität.

          Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hat erstmals öffentlich  in größerer Ausführlichkeit über mögliche kritische Nebeneffekte einer lockeren Geldpolitik gesprochen. In einer Rede beim Internationalen Währungsfonds in Washington sagte der Zentralbank-Chef, der bisherige Erfolg der Politik dürfe nicht blind machen für die Risiken. Konkret sprach Draghi über die Folgen für die Vermögensverteilung und  für die Finanzstabilität.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          In der ganzen Welt werden Zentralbanken zunehmend für ihre Politik des lockeren Geldes kritisiert, die neue Gefahren für die Finanzstabilität herauf beschwörten und eine Vermögens-Umverteilung begünstigten.

          Geldpolitik habe stets Verteilungswirkungen, entgegnete  der Notenbanker. Eine Politik, die Deflation bekämpfe, reduziere zwangsläufig die Zinserträge der Sparer und erleichtere die Zinslast der Schuldner. Gleichzeitig seien Zinssenkungen aber nötig, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stimulieren, indem man Unternehmen und Privatleute zum Geld ausgeben ermutigt.

          Draghi: Kapitalbeschaffung ist billiger geworden

          Draghi räumte ein, dass die Geldpolitik der niedrigen Zinsen und die Anleihekäufe den Wert von Finanzanlagen nach oben getrieben und damit deren Besitzer begünstigt hätten. Wichtiger sei aber, dass gleichzeitig die Kapitalbeschaffung billiger geworden sei: Unternehmer kommen nach Draghis Worten günstiger an Eigenkapital. Für Investoren und Konsumenten sänken die Kreditkosten. Überdies: Verteilungswirkungen wären auch entstanden, wenn sich die EZB ihrem Mandat verweigert hätte, sagte  der Italiener. Junge Haushalte, die häufig Nettoschuldner seien, hätten in einem Deflationszenario unter einem steigendem Realwert der Kredite gelitten, während ältere Haushalte als Nettosparer profitiert hätten.  

          Draghi gab in der Rede aber zu, dass eine lange Phase niedriger Zinsen ungewünschte Konsequenzen haben kann, die gerade in alternden Gesellschaften eine Rolle spielten. So könnten sich Leute, die für ihren Ruhestand sparten, durch die Niedrigzinsen veranlasst sehen, noch mehr zu sparen, statt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch zusätzlichen Konsum zu beflügeln.  Doch sei es nicht im Interesse dieser Sparer, wenn die Europäische Zentralbank ihr Mandat vernachlässige. Im Gegenteil sei es im Interesse der langfristig orientierten Sparer, wenn eine Volkswirtschaft ohne Verspätung ihr Wachstumspotential ausschöpfe. Denn am Ende spiegelten die Finanzanlagen nichts anderes als den Wohlstand, den eine Volkswirtschaft produziert habe.

          Der Chef der EZB ging auch auf die möglichen Folgen ein, die eine lockere Geldpolitik für Finanzstabilität haben könne. Konkret geht es um die Befürchtung, eine längere Phase der Niedrigzinsen verführe Investoren dazu, exzessive Risiken einzugehen und ihre Bilanzen nicht zu bereinigen. In der Praxis zeige sich allerdings eine andere Entwicklung, sagte Draghi. In vielen Ländern des Euroraums hätten die niedrigen Zinsen es den Banken leichter gemacht, ihre Bilanzen zu entlasten. Auch Schulden von Haushalten und Unternehmen seien zwischen 2012 und 2014 gesunken. Eine wichtige Rolle spiele dabei die Bankenregulierung. 

          So gebe es zur Zeit wenige Hinweise, dass größere finanzielle Ungleichgewichte aufträten. Er sieht im Moment keine Immobilienpreisblase und  kein ungesundes Kreditwachstum. Das zeige, dass eine lockere Geldpolitik nicht zwangsläufig zu neuen Risiken animiere. So sei in der Summe eine gewisse Fehlallokation von Mitteln zwar nicht zu vermeiden, es drohten aber keine Gefahren für die Finanzstabilität.

          Weitere Themen

          „Johnson macht eine chaotische Politik“

          Brexit-Deal : „Johnson macht eine chaotische Politik“

          Kurz vor dessen Berlin-Besuch kritisiert die Britische Handelskammer in Deutschland Großbritanniens Premier Johnson scharf und warnt vor schwerwiegenden Auswirkungen eines No-Deal-Brexits auf die Industrie beider Länder. Die Grünen sprechen derweil von einer „Show für London“.

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.
          Kardinal George Pell verlässt im Februar 2019 ein Gericht im australischen Melbourne.

          Kindesmissbrauch : Kardinal Pell bleibt hinter Gittern

          Der ehemalige Finanzchef des Vatikans hat in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in Melbourne missbraucht. Die Vorsitzende Richterin spricht von einem Prozess, der ihr Land gespalten habe

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.