https://www.faz.net/-gqe-7tj77

Geldpolitik : EZB kauft Kredite von den Banken

  • Aktualisiert am

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins im Euroraum überraschend auf nur noch 0,05 Prozent gesenkt. Auch Unternehmenskredite werden nun aufgekauft.

          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins im Euroraum auf 0,05 Prozent gesenkt. Das beschloss der EZB-Rat am Donnerstag, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Zudem müssen Banken künftig einen noch höheren Strafzins von nun 0,2 Prozent bezahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken, statt es in Form von Krediten an Unternehmen weiterzureichen. Der Satz, den die Institute bezahlen müssen, wenn sie Geld kurzfristig bei der EZB ausleihen, kappten die Währungshüter auf 0,3 von 0,4 Prozent. Der Dax stieg auf ein Tageshoch, am Anleihenmarkt zogen die Renditen an, der Eurokurs sank auf den tiefsten Stand seit Juli 2013.

          Die EZB hat zusätzlich zur Leitzinssenkung den Aufkauf von Unternehmenskrediten - sogenannten ABS-Papieren - und Pfandbriefen beschlossen. Bereits im Oktober sollen die Pfandbrief-Käufe beginnen. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte bereits vor der Pressekonferenz von EZB-Präsident Mario Draghi aus mit der Sache vertrauten Kreisen erfahren, dass im EZB-Rat entsprechende Pläne für ein Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro diskutiert wurden. Mit Verbriefungen können Banken ausstehende Forderungen aus Krediten an den Markt bringen und somit ihre Bilanzen entlasten. Damit haben sie mehr Luft zur Vergabe neuer Darlehen. Mit diesem Instrument will die Notenbank den Markt mit mehr Geld versorgen und die Konjunktur in der Eurozone ankurbeln. Die Entscheidungen darüber fielen nicht einstimmig, wie Draghi auf der Pressekonferenz sagte.

          Entwicklung der Leitzinzen, September 2014

          Die Währungshüter reagieren damit auf die sehr niedrige Inflationsrate. Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und stärken so die Nachfrage und damit die Wirtschaft. Als Folge dürften dann auch die Preise wieder steigen. Im August hatten sinkende Energiepreise die Inflation im Euroraum auf 0,3 Prozent fallen lassen - den niedrigsten Stand seit Oktober 2009. Die Inflation für dieses Jahr wird von der EZB auf 0,6 Prozent geschätzt, 1,1 Prozent im nächsten Jahr und für 2016 soll sie bei 1,4 Prozent liegen. Damit liegen auch die Prognosen deutlich unterhalb der Zielmarke der EZB von knapp unter zwei Prozent.

          Im Juni noch hatte die Notenbank für 2014 eine Jahresteuerung von 0,7 Prozent, für 2015 von 1,1 Prozent und für 2016 von 1,4 Prozent vorhergesagt. Im laufenden Jahr erwartet die Notenbank eine Wachstumsrate von 0,9 Prozent, für 2015 wird eine Rate von 1,6 Prozent veranschlagt. Das sind jeweils 0,1 Prozentpunkte weniger, als noch im Juni erwartet worden war. 2016 dürfte sich das Wachstum auf 1,9 (bisher 1,8) Prozent beschleunigen.

          „Das optimistische mittelfristige Konjunkturbild der EZB zerbröselt“, sagte etwa Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Das Institut hatte seine Wachstumsprognose für den Euroraum für 2015 kürzlich auf 0,9 Prozent gesenkt.

          Der Konjunkturpessismus wächst

          Der geringe Preisauftrieb schürt Sorgen vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise quer durch alle Warengruppen. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen und Anschaffungen hinauszögern, weil sie auf weiter sinkende Preise hoffen. Das würde die fragile Konjunkturerholung in Europa abwürgen. Der Konjunkturpessimismus ist auch infolge der Russland-Ukraine-Krise gewachsen. Schon im Frühjahr hatte die Wirtschaftsleistung der Länder in der Eurozone stagniert. Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das stärkt den Preisauftrieb.

          Die meisten Volkswirte hatten vorerst keine weiteren Gegenmaßnahmen der EZB erwartet. Carsten Brzeski, Ökonom bei der niederländischen Großbank ING, zeigte sich völlig überrascht: „Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen?“ Denn noch im September startet ein neues Kreditangebot für Banken. Dies soll die Kreditvergabe ankurbeln und gemeinsam mit den Zinsschritten vom Juni die Konjunktur in Schwung bringen. Dann würden auch die Preise wieder kräftiger steigen.

          Allerdings hatte EZB-Präsident Mario Draghi zuletzt beim Notenbanker-Treffen im amerikanischen Jackson Hole vor sinkenden Inflationserwartungen gewarnt. In seiner viel beachteten Rede machte er deutlich dass der EZB-Rat die Inflationserwartungen sehr genau beobachten und notfalls innerhalb seines Mandats alle verfügbaren Instrumente nutzen werde, um die Preisstabilität mittelfristig zu garantieren. Im Gespräch ist der Kauf von Kreditverbriefungen (ABS-Papiere). Auch breit angelegte Anleihenkäufe (QE) sind nach Meinung vieler Ökonomen wieder wahrscheinlicher geworden.

          Experten sind überzeugt, dass sich die Geldpolitik der EZB in den kommenden Monaten immer weiter von der ihrer amerikanischen Kollegen der Fed entfernen wird. Denn die amerikanische Wirtschaft läuft wieder runder, so dass die Fed den Ausstieg aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik einläuten konnte. Auch eine Zinswende deutet sich bereits an. Hingegen bleibt neben der EZB auch die Bank von Japan auf Krisenkurs. Sie kauft unvermindert weiter Wertpapiere zur Stützung der Wirtschaft, wie die Währungshüter am Donnerstag einstimmig in Tokio beschlossen.

          Weitere Themen

          Alles auf Wiederaufbau Video-Seite öffnen

          Ölkonzern in Saudi-Arabien : Alles auf Wiederaufbau

          Der Ölkonzern Saudi Aramco will die Produktion in Churais nach den Drohnenangriffen bis Monatsende wieder voll aufnehmen. Rund um die Uhr arbeiten Mitarbeiter am Wiederaufbau.

          Topmeldungen

          Klimapolitik : Der Offenbarungseid der Merkel-Ära

          Der Klimaschutz in Deutschland muss nicht nur das Klima retten. Die Koalition denkt auch an sich. Zwischen Protestkultur von links und rechts sucht sie den Mittelweg.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.