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EZB-Entscheidung : Der Tag, an dem der Zins verschwand

Fluchtpunkt: Mario Draghi auf dem Weg zur Verkündung des Negativ-Zins. Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Zinsentscheidung der EZB hat für die Menschen ganz handfeste Auswirkungen. In der Finanzmetropole Frankfurt ist das zu besichtigen. Ein Streifzug am Tag der Entscheidung.

          Der Tag der Entscheidung – für den früheren Speditionskaufmann aus Dietzenbach begann er mit einem Schock. Beim Frühstück musste er in seiner Lokalzeitung lesen, dass ihm seine Lebensversicherung deutlich weniger Geld auszahlen wird als ursprünglich versprochen. Im Dezember wird die Zahlung fällig. „Ich bekomme 4000 oder 5000 Euro weniger“, rechnet er vor. Der 67 Jahre alte Rentner ist am Vormittag für Besorgungen in die Frankfurter Innenstadt gefahren, unweit des Hauptbahnhofes steht er an einem Geldautomaten der Sparkasse.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Den Schock vom Frühstück hat er noch nicht verdaut. 18 Jahre habe er Monat für Monat eingezahlt – „und jetzt das“, klagt er. Der Grund für den schmerzhaften Einschnitt ist das seit langem niedrige Zinsniveau, das den Versicherern das Leben schwer macht. „Und heute will die EZB den Zins sogar noch weiter senken, sogar negativ soll er für die Banken werden“, weiß der Mann mit dem grauen Haar. Er gibt sich verständnisvoll. Wenn es der Wirtschaft helfe, müsse die Radikalmaßnahme vielleicht sein. Aber die Zeiten, in denen er ordentliche Zinsen auf seine Ersparnis bekommen hat, waren ihm lieber.

          Man muss nicht lange suchen, um in Frankfurt Menschen anzutreffen, für die die Zinsentscheidung im Eurotower ganz handfeste Auswirkungen hat. Auf den ersten Blick wirken die verklausuliert vorgetragenen Statements der Währungshüter abstrakt und sehr weit weg. Doch sie beeinflussen das Leben der Menschen und den Herzschlag der Märkte. In der Finanzmetropole am Main ist das zu besichtigen. Geld ist das Blut, dass hier durch die Venen der Stadt mit all ihren Banken und Brokern fließt – und der Zins bestimmt den Rhythmus, mit dem es durch diesen Körper gepumpt wird. Je niedriger der Zins, desto schneller der Puls.

          „Wir fiebern seit Wochen diesem Tag entgegen“

          In einem der gläsernen Hochhäuser unweit der Notenbank pocht das Herz jetzt um 13.15 Uhr – eine halbe Stunde bevor die ersten Ergebnisse der Zinssitzung nach außen dringen werden – nur sehr leise. „Es herrscht Ruhe vor dem Sturm“, sagt ein junger Banker in Anzug und Krawatte. Heute seien alle Kollegen etwas früher als sonst zum Mittagessen gegangen, keiner will die Pressekonferenz des EZB-Präsidenten Mario Draghi verpassen. Der Banker nippt an seinem Espresso. „Wir fiebern seit Wochen diesem Tag entgegen“, sagt der Mann, der auf den Anleihemarkt spezialisiert ist. Jedes Wort aus dem Mund von Europas mächtigsten Notenbanker kann für sein Geschäft entscheidend sein. Gleich wird er mit seinen Kollegen im Großraumbüro die Pressekonferenz am Bildschirm verfolgen, Draghi an den Lippen kleben. Er wird die Tickermeldung der Nachrichtenagenturen und die Ausschläge der Börsenkurse im Blick haben. „Der Markt wird nervös reagieren, aber wir sind gut vorbereitet“, sagt der Banker und eilt zum Fahrstuhl.

          Noch eine Viertelstunde. Hektisch strömen die Finanzreporter in den Eurotower in der Frankfurter Kaiserstraße. Ein einsamer Demonstrant in gelber Trainingsjacke versucht ihnen Flugblätter in die Hand zu drücken. Der Mann mit dem Stoppelbart stellt sich als „Thomas Occupy“ vor. Er gehört zu einer kleinen Gruppe von Aktivisten, die die „oligarchischen Finanz-Konglomerate“ bekämpfen wollen. Für ihn stecken sie alle unter einer Decke, die Banken, die EZB, die gesamte Finanzwelt. Er wittert eine „Enteignung der Menschen“ durch den niedrigen Zins. Auf seinen Flugblättern ist von dem prognostizierten negativen Einlagenzins für Banken zu lesen. „Dass diese Maßnahme Banken bestraft, ist doch kompletter Unsinn“, sagt der Demonstrant. Jede Bank könne den angeblichen Strafzins ganz einfach unterlaufen und Geld einfach im Keller lagern, ist er überzeugt. „Das ist ein Nebenkriegsschauplatz, um abzulenken“. Die Journalisten ignorieren den Mann.

          Pünktlich betritt Mario Draghi den Presseraum im zweiten Stock der Notenbank. Ein Pulk von Mitarbeitern und Fotografen folgt ihm. Er hat ein Schmunzeln im Gesicht, wie immer. Als er beginnt zu sprechen, ist es im Saal mucksmäuschenstill. Gleich zu Beginn seines Vortrags kündigt Draghi ein ganzes Paket von Maßnahmen an. Der Zins ist jetzt so gut wie verschwunden. Es dauert keine fünf Minuten – dann springt der Dax über die 10.000-Punkte-Marke.

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