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Neue Regeln : EZB-Direktoren brauchen künftig Aufpasser

Zentrale der Europäischen Zentralbank in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Nach einer Panne gibt sich die Spitze der Zentralbank strengere Regeln für kursrelevante Informationen. Ein Direktoriumsmitglied hatte Hedgefonds einen Informationsvorsprung verschafft.

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          Ein einziger Satz der Topleute einer großen Zentralbank kann Millionen oder gar Milliarden wert sein. Denn wenn die Spitzenleute der Europäischen Zentralbank (EZB) beispielsweise über das Anleihekaufprogramm im Gesamtvolumen von 1,1 Billionen Euro sprechen und mögliche Veränderungen andeuten, dann bewegt dies die Kurse an den Börsen. Exklusive Informationen sind für Großanleger unter Umständen so wertvoll wie pures Gold. Wenn die EZB-Insider also zu Investoren oder Medien sprechen, müssen sie jedes Wort auf die Goldwaage legen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Nach einer schweren Kommunikationspanne des EZB-Direktoriumsmitglieds Benoît Cœuré im Mai, bei der sogar der Verdacht der Begünstigung von Insiderhandel im Raum stand, gibt sich die Zentralbank nun ein neues Regelwerk. Wie diese Zeitung aus Zentralbankkreisen erfuhr, geht es um eine Selbstverpflichtung der Mitglieder des Direktoriums. Wenn sie Reden halten, müssen diese künftig der gesamten Öffentlichkeit gleichzeitig zugänglich gemacht werden. Außerdem müssen die EZB-Direktoren bei Treffen mit Investoren künftig immer einen Zeugen mitnehmen, der in strittigen Fällen den Verlauf der Gespräche bestätigen kann. Außerdem könnten diese Mitarbeiter in heiklen Situationen intervenieren, hieß es aus Zentralbankkreisen. Sie wären sozusagen ein Aufpasser. „Die neuen Regeln sind den Vorgaben der amerikanischen Fed nachempfunden, aber nicht ganz so streng“, sagte einer mit den Regeln vertraute Person dieser Zeitung.

          Scharfe Kritik intern und extern

          Die Panne des Direktoriumsmitglieds Cœuré hatte in der Finanzwelt für Erregung und empörte Kommentare gesorgt. Der Franzose, im sechsköpfigen EZB-Direktorium für Marktoperationen zuständig, hatte Mitte Mai in einer nichtöffentlichen Rede vor Hedgefondsmanager in London darüber gesprochen, dass die EZB das Tempo ihrer Anleihekäufe vor den Sommerferien über das vorige Volumen von 60 Milliarden Euro im Monat anheben werde, da während der Sommerferien die Märkte ruhiger seien.

          Die Worte Cœurés hatten unmittelbare Auswirkungen. Der Eurowechselkurs fiel noch während der Rede von 1,135 auf 1,130 Dollar - offenbar hatten Teilnehmer der Veranstaltung sofort gehandelt (denn erhöhte oder vorgezogene Ankäufe bedeuteten, dass die EZB mehr Euro in die Märkte drückt, was den Außenwert der Währung reduziert). Als Cœurés Redetext erst am folgenden Tag von der EZB ins Internet gestellt wurde, sackte der Eurokurs binnen kurzer Zeit um 1,2 Prozent ab. Hedgefonds, die bei der Londoner Runde dabei waren und wegen des Informationsvorsprungs frühzeitig handeln konnten, hatten also einen satten Profit gemacht. Nach scharfer Kritik - extern wie intern - gab die EZB zu, dass es ein Fehler gewesen sei, die Rede über die veränderten monatlichen Kaufvolumina nicht sofort veröffentlicht zu haben.

          Derzeit spekulieren die Märkte darüber, ob der EZB-Rat um Zentralbankchef Mario Draghi das Anleihekaufprogramm ausweitet - über die im Frühjahr beschlossenen 1140 Milliarden Euro hinaus, weil die Inflation so niedrig ist. Exklusive Informationen darüber wären abermals pures Gold wert. Bundesbankchef Jens Weidmann warnte die EZB aber am Donnerstag davor, in Aktionismus zu verfallen: Er sehe keine destabilisierende Deflation.

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