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Export und Import : Die Taktiererei mit den Handelsbilanzen

Donald Trump am Telefon: Haben die Handelsdefizite Amerikas Wachstum geraubt? Bild: dpa

Das Weiße Haus will nicht mehr so viel importieren. Gleichzeitig wirft ein wichtiger Wirtschaftsberater Deutschland unfaire Handelspraktiken vor. Wie sollte die Bundesrepublik reagieren?

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          Eine neue ökonomische Doktrin gilt im Weißen Haus, seit Donald Trump das Oval Office bezogen hat. Das gewaltige Leistungsbilanzdefizit wird von jetzt an eindeutig negativ bewertet. Das zeigte sich zuletzt deutlich im Konflikt mit Mexiko. Das Defizit mit dem südlichen Nachbarn gibt Trump in seiner Weltsicht das Recht zu drakonischen Maßnahmen und zur Forderung, Mexiko müsse die geplante Grenzmauer bezahlen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Außerdem hat Trumps Wirtschaftsberater Peter Navarro in der „Financial Times“ gerade Deutschland vorgeworfen, der Euro sei so etwas wie eine „implizite Deutsche Mark“, dessen niedriger Wert Deutschland einen Vorteil gegenüber seinen wichtigsten Handelspartnern gebe.

          Ökonomen mögen die Stirn runzeln. Doch so exotisch ist Trumps Sichtweise nicht. Sie findet ihre Entsprechung in Deutschland, wo die Regierung ihren Stolz über Exportüberschüsse kaum verhehlen kann. Über kurz oder lang könnte Deutschland selbst in Trumps Visier geraten, verzeichneten die Vereinigten Staaten doch mit Deutschland ein Handelsbilanzdefizit von 74 Millarden Dollar (2015), so viel wie nie zuvor.

          Deutsche Produkte weltweit gefragt

          Hohe Salden in der Leistungsbilanz (und in der Handelsbilanz, die eine Teilbilanz davon ist) entstehen vereinfacht gesagt, wenn ein Land mehr exportiert als importiert. Exportweltmeister Deutschland und Importweltmeister Vereinigte Staaten repräsentieren zwei Sonderwege in der Weltwirtschaft. Der deutsche Export - gemessen als Anteil am BIP - hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark erhöht wie in kaum einem anderen Land der Welt. In den frühen neunziger Jahren betrug der Exportanteil nur etwas über 20 Prozent, inzwischen 47 Prozent, so die jüngste verfügbare Zahl von 2015. Deutsche Produkte - seien es Autos, Maschinen, Chemie oder Ingenieursleistungen - sind weltweit gefragt, gerade in aufstrebenden Schwellenländern.

          Geradezu kümmerlich wirkt im Vergleich die Exportquote der Amerikaner: Sie beträgt nur knapp 13 Prozent. Deutschland sticht besonders hervor, wenn man die absoluten Zahlen vergleicht: mit einem sehr großen Leistungsbilanzüberschuss von umgerechnet fast 300 Milliarden Dollar. Es ist von den großen Volkswirtschaften das Land mit dem größten positiven Saldo seiner Leistungsbilanz. Im gerade abgelaufenen Jahr betrug er laut Ifo-Schätzung wohl 8,6 Prozent relativ zur Wirtschaftsleistung. Das heißt, dass Deutschland sehr viel mehr Güter und Dienstleistungen exportiert hat, als es importiert hat. Umgekehrt importieren die Vereinigten Staaten deutlich mehr, als sie exportieren, ihre Leistungsbilanz weist daher einen negativen Saldo von 463 Milliarden Dollar (2015) beziehungsweise minus 2,6 Prozent des BIP aus.

          Viel Geld in Europas Süden gelenkt

          Ist ein positiver Saldo zwingend günstig und ein negativer Saldo zwingend schlecht? Nicht unbedingt, sagen Wirtschaftsforscher. „Der große Leistungsbilanzüberschuss ist mit einem Kapitalexport, einem Abfluss von Ersparnis verbunden“, sagt Handelsexperte Gabriel Felbermayr vom Münchner Ifo-Institut. Deutschland hat hohe Nettoexporte, es gibt den Abnehmerländern gleich die nötige Finanzierung mit dazu, um die Güter zu kaufen. Die Kapitalexporte geschehen entweder per Direktinvestitionen von Unternehmen, die Fabriken aufbauen, sei es in China oder in Mexiko, oder als Portfolioinvestitionen, wenn deutsche Anleger Aktien oder Anleihen aus anderen Ländern erwerben.

          Bis zur Euro-Krise hatten deutsche Banken und Fonds so viel Geld in Europas Süden gelenkt. „Die treibenden Kräfte sind die Kapitalströme“, betont Stefan Kooths, Konjunkturchef beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. „Deutschland stellt dem Rest der Welt Kapital zur Verfügung, das ist nun wirklich nichts, wofür man sich entschuldigen müsste.“ Allerdings ist die Anlage der deutschen Ersparnisse im Ausland riskant, sagt Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier. „Im Anlegen im Ausland sind die Deutschen nicht immer gut, zeigt die Geschichte.“ Das weiß man nicht erst seit der griechischen Krise. Auch Investoren in argentinische Staatsanleihen können ein Lied davon singen.

          Euro eigentlich unterbewertet

          Der Überschuss ist mit einem weiteren gefährlichen Problem verknüpft. „Deutschland hat eine geringe Investitionsquote im Inland“, sagt Felbermayr. Ohne Investitionen aber stagniert die Produktivitätsentwicklung und damit auf Dauer die gesamte Volkswirtschaft. Der Münchner Ökonom findet vor diesem Hintergrund den Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 8 Prozent inzwischen „bedenklich hoch“. Dass die deutschen Export- und Leistungsbilanzüberschüsse in den vergangenen Jahren so stark angeschwollen sind, liegt auch am Eurokurs, erinnert Roland Döhrn vom RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. „Die Euro-Krise hat den Wechselkurs gedrückt, und damit ist der deutsche Außenhandelsüberschuss gewachsen.“ Der Eurokurs werde durch den Durchschnitt des Euroraums bestimmt, der noch immer von der Krise belastet sei. Aus deutscher Sicht sei der Euro eigentlich unterbewertet. Das gibt der Exportwirtschaft einen Extraschub, Importe hingegen werden teurer.

          Könnte Deutschland seinen Leistungsbilanzüberschuss abbauen? Die EU-Kommission hat ein Verfahren wegen dauerhafter „makroökonomischer Ungleichgewichte“ eingeleitet, weil der Dreijahresschnitt über 6 Prozent liegt. „Den deutschen Export zu behindern wäre ja Unsinn“, sagt RWI-Forscher Döhrn. Deutschland sollte natürlich nicht seine Wettbewerbsfähigkeit mutwillig zerstören. Einige gewerkschaftsnahe Ökonomen fordern deutlich höhere Löhne, damit der heimische Konsum und folglich auch der Import steigt. Gustav Horn vom gewerkschaftseigenen IMK-Institut plädiert für schuldenfinanzierte staatliche Investitionsprogramme.

          Amerikaner können sich günstig verschulden

          Andere wollen die privaten Investitionen stärken. Ifo-Forscher Felbermayr sagt, dass dafür die Binnenwirtschaft gestärkt werden müsste, etwa indem der Dienstleistungssektor liberalisiert werde. Das geschehe etwa, indem bislang geschützte Berufe dereguliert würden, vom Apotheker bis zu den kammergeschützten Professionen. Damit könnte es gelingen, mehr Wettbewerb, mehr Produktivitätswachstum und mehr Investitionen zu entfachen. Auch im Bildungs- und im Gesundheitsbereich wären mehr Investitionen nötig. Mit einer solchen Strategie könnte Deutschland als Investitionsstandort attraktiver werden und seinen Leistungsbilanzüberschuss auf ein gesünderes Maß reduzieren.

          Wie ist ein gewaltiges Leistungsbilanzdefizit zu bewerten? Die Amerikaner leben seit 1981 damit, mit einem Ausnahmejahr. Sie sparen wenig und konsumieren viel im internationalen Vergleich. „Weil der Dollar die Weltleitwährung ist und es eine stete Nachfrage nach Dollar-Schuldverschreibungen gibt, können sich die Amerikaner günstig in der Welt verschulden und sich schon seit Jahrzehnten mehr Konsum leisten, als sie produzieren“, erläutert Felbermayr. Kapital aus dem Ausland finanziert das Defizit.

          Aufwertung des Dollars?

          Die Geschichte zeigt auch, dass dieses Defizit besonders stark wächst, wenn Amerikas Wirtschaft kräftig zulegt. Dafür schrumpft es in Krisenjahren. Japan erfreut sich dagegen seit Jahrzehnten an Leistungsbilanzüberschüssen und einer wirtschaftlichen Stagnation. Das deutet auf eine generelle Erkenntnis: Hohe Überschüsse und Defizite geben wenig Hinweise auf die wirtschaftliche Stärke eines Landes.

          Im Weißen Haus wird das allerdings neuerdings anders gesehen - unter anderem dank Peter Navarro. Der Außenseiter der ökonomischen Akademikerzunft in Amerika ist zu Donald Trumps Handelsberater aufgestiegen mit der Vorstellung, dass Handelsdefizite Amerika Wachstum geraubt haben. Die Rezepte zur Schrumpfung heißen Zölle oder Importsteuern in verschiedenen Varianten. Eine Aufwertung des Dollars ist die Konsequenz nach herrschender Lehre, was amerikanische Exporte verteuert und einen Teil der Importzölle in der Wirkung neutralisiert. Ein ähnlicher Effekt wird von der geplanten Steuersenkung in Kombination mit dem Infrastrukturprogramm erwartet: Ein steigendes Haushaltsdefizit, steigende Zinsen und ein erstarkender Dollar scheinen die zwangsläufige Konsequenz zu sein. Einen Teil dieser Entwicklung haben Kapitalmärkte schon vorweggenommen. Ein sinkendes Handelsdefizit aber wird so nur schwerlich erreicht.

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