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Export und Import : Die Taktiererei mit den Handelsbilanzen

Euro eigentlich unterbewertet

Der Überschuss ist mit einem weiteren gefährlichen Problem verknüpft. „Deutschland hat eine geringe Investitionsquote im Inland“, sagt Felbermayr. Ohne Investitionen aber stagniert die Produktivitätsentwicklung und damit auf Dauer die gesamte Volkswirtschaft. Der Münchner Ökonom findet vor diesem Hintergrund den Leistungsbilanzüberschuss von mehr als 8 Prozent inzwischen „bedenklich hoch“. Dass die deutschen Export- und Leistungsbilanzüberschüsse in den vergangenen Jahren so stark angeschwollen sind, liegt auch am Eurokurs, erinnert Roland Döhrn vom RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. „Die Euro-Krise hat den Wechselkurs gedrückt, und damit ist der deutsche Außenhandelsüberschuss gewachsen.“ Der Eurokurs werde durch den Durchschnitt des Euroraums bestimmt, der noch immer von der Krise belastet sei. Aus deutscher Sicht sei der Euro eigentlich unterbewertet. Das gibt der Exportwirtschaft einen Extraschub, Importe hingegen werden teurer.

Könnte Deutschland seinen Leistungsbilanzüberschuss abbauen? Die EU-Kommission hat ein Verfahren wegen dauerhafter „makroökonomischer Ungleichgewichte“ eingeleitet, weil der Dreijahresschnitt über 6 Prozent liegt. „Den deutschen Export zu behindern wäre ja Unsinn“, sagt RWI-Forscher Döhrn. Deutschland sollte natürlich nicht seine Wettbewerbsfähigkeit mutwillig zerstören. Einige gewerkschaftsnahe Ökonomen fordern deutlich höhere Löhne, damit der heimische Konsum und folglich auch der Import steigt. Gustav Horn vom gewerkschaftseigenen IMK-Institut plädiert für schuldenfinanzierte staatliche Investitionsprogramme.

Amerikaner können sich günstig verschulden

Andere wollen die privaten Investitionen stärken. Ifo-Forscher Felbermayr sagt, dass dafür die Binnenwirtschaft gestärkt werden müsste, etwa indem der Dienstleistungssektor liberalisiert werde. Das geschehe etwa, indem bislang geschützte Berufe dereguliert würden, vom Apotheker bis zu den kammergeschützten Professionen. Damit könnte es gelingen, mehr Wettbewerb, mehr Produktivitätswachstum und mehr Investitionen zu entfachen. Auch im Bildungs- und im Gesundheitsbereich wären mehr Investitionen nötig. Mit einer solchen Strategie könnte Deutschland als Investitionsstandort attraktiver werden und seinen Leistungsbilanzüberschuss auf ein gesünderes Maß reduzieren.

Wie ist ein gewaltiges Leistungsbilanzdefizit zu bewerten? Die Amerikaner leben seit 1981 damit, mit einem Ausnahmejahr. Sie sparen wenig und konsumieren viel im internationalen Vergleich. „Weil der Dollar die Weltleitwährung ist und es eine stete Nachfrage nach Dollar-Schuldverschreibungen gibt, können sich die Amerikaner günstig in der Welt verschulden und sich schon seit Jahrzehnten mehr Konsum leisten, als sie produzieren“, erläutert Felbermayr. Kapital aus dem Ausland finanziert das Defizit.

Aufwertung des Dollars?

Die Geschichte zeigt auch, dass dieses Defizit besonders stark wächst, wenn Amerikas Wirtschaft kräftig zulegt. Dafür schrumpft es in Krisenjahren. Japan erfreut sich dagegen seit Jahrzehnten an Leistungsbilanzüberschüssen und einer wirtschaftlichen Stagnation. Das deutet auf eine generelle Erkenntnis: Hohe Überschüsse und Defizite geben wenig Hinweise auf die wirtschaftliche Stärke eines Landes.

Im Weißen Haus wird das allerdings neuerdings anders gesehen - unter anderem dank Peter Navarro. Der Außenseiter der ökonomischen Akademikerzunft in Amerika ist zu Donald Trumps Handelsberater aufgestiegen mit der Vorstellung, dass Handelsdefizite Amerika Wachstum geraubt haben. Die Rezepte zur Schrumpfung heißen Zölle oder Importsteuern in verschiedenen Varianten. Eine Aufwertung des Dollars ist die Konsequenz nach herrschender Lehre, was amerikanische Exporte verteuert und einen Teil der Importzölle in der Wirkung neutralisiert. Ein ähnlicher Effekt wird von der geplanten Steuersenkung in Kombination mit dem Infrastrukturprogramm erwartet: Ein steigendes Haushaltsdefizit, steigende Zinsen und ein erstarkender Dollar scheinen die zwangsläufige Konsequenz zu sein. Einen Teil dieser Entwicklung haben Kapitalmärkte schon vorweggenommen. Ein sinkendes Handelsdefizit aber wird so nur schwerlich erreicht.

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