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Hohe Gesundheitsausgaben : Braucht Deutschland den Teilzeit-Kranken?

Das Krankengeld soll reformiert werden, um Kosten zu sparen. Bild: dpa

Wegen des starken Anstiegs der Ausgaben für die Kassen fordern Experten eine Reform des Krankengeldes. Neue Regelungen wie die Teilzeit-Krankschreibung haben in ihren Augen auch Vorteile für kranke Arbeitnehmer.

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          Kranke Arbeitnehmer haben Anspruch auf Lohnfortzahlung. Sechs Wochen lang zahlt der Arbeitgeber dem abwesenden Beschäftigten den Bruttolohn. Danach springt bei Kassenpatienten die Krankenkasse ein. Das von ihr gezahlte Krankengeld beträgt 70 Prozent vom letzten Bruttogehalt. Die Ausgaben der Kassen dafür haben sich seit 2006 fast verdoppelt – von 5,7 auf 10,6 Milliarden Euro. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wollte wissen, was da los ist. Er hat ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das liegt jetzt vor. Die Experten empfehlen eine Reihe von Änderungen. Teilzeit-Krankschreibungen gehören dazu. Psychisch Kranke sollten schneller behandelt, Missbrauch beim Krankengeld vermieden werden.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Der Anstieg der Krankengeldausgaben hat Politik, Kassen und Versicherte alarmiert. Letztere, weil ihnen die Kassen öfter auf die Pelle rückten. Entweder mit drängend-fürsorglichen Fragen, wie man bei der Genesung helfen könne, oder ob nicht der Wechsel in die Rente angezeigt sei. Im Raum steht die Vermutung, dass das Krankengeld genutzt wird, um den Eintritt in die dann mit Abschlägen versehene Altersrente hinauszuzögern. Dafür wollen die Kassen nicht bezahlen.

          Der Sachverständigenrat für Gesundheitsfragen kommt nun zu einem beruhigenden Ergebnis: Die Lage ist weniger kritisch, als der Ausgabenanstieg vermutend lässt. Ein wesentlicher Teil der Steigerung sei ausgelöst vom Anstieg des Bruttolohns, von dem das Krankengeld 70 Prozent beträgt. Auch seien wegen der wachsenden Beschäftigung immer mehr (kranke) Versicherte im System. Die seien im Durchschnitt älter, damit anfälliger und sie blieben auch länger krank.

          „Unsere Empfehlungen zielen nicht darauf, die Krankengeldausgaben um jeden Preis zu senken“, sagte der Ratsvorsitzende Ferdinand Gerlach. Das Krankengeld sei eine gesamtgesellschaftlich sinnvolle Leistung aber auch ein sozialrechtlicher Anspruch, den die Versicherten durch Zahlung von Beiträgen erworben hätten.

          Zu 25 Prozent krankgeschrieben

          Gleichwohl halten die Experten Änderungen für notwendig. An erster Stelle der 13 Vorschläge steht die Teilkrankschreibung nach schwedischem Modell. Statt der in Deutschland geltenden „Alles-oder-nichts-Regelung“ könnte ein Arbeitnehmer je nach Schwere der Erkrankung und in Abstimmung mit seinem Arzt zu 100, 75, 50 oder 25 Prozent krankgeschrieben werden. Er würde entsprechend weniger arbeiten, was sich auf seinen Krankengeld auswirken würde.

          Der Rat verdeutlicht seinen Vorschlag an einem Beispiel: Würde ein Arbeitnehmer zu 50 Prozent krankgeschrieben, so erhielte er die Hälfte des Lohnes und die Hälfte des im zustehenden Anteils an Lohnfortzahlung. Bleibt er länger als sechs Wochen krank, springt dann die Krankenkasse ein, allerdings nur mit der Hälfte des Krankengelds – denn der Beschäftigte ist ja zu 50 Prozent arbeitsfähig und verdient Geld. Unter dem Strich hätte er mehr Geld als beim heutigen Modell mit völliger Krankschreibung.

          Man sei sich bewusst, das der Vorschlag für Ärzte und Patienten eine „spürbare Veränderung“ bedeuten würde, sagte Gerlach, der selbst Mediziner ist. Doch eröffne das Modell die Möglichkeit, „dass erkrankte Arbeitnehmer je nach Grad der Arbeitsfähigkeit ihr ,Restleistungsvermögen‘ einbringen können“. Der Vorschlag ermögliche mehr Flexibilität, sei realitätsnah und vermeide soziale und finanziell negative Folgen einer unnötig verzögerten Wiedereingliederung ins Erwerbsleben. Überdies gebe es eine ähnliche Regelung mit der „verminderten Dienstzeit“ im Beamtenrecht.

          Fehlanreizen soll entgegen gewirkt werden

          Die anderen Reformvorschläge fallen weniger spektakulär aus. So wollen die Gutachter den Kassen mehr Möglichkeiten zur Steuerung geben. Wie bei der Erwerbsminderungsrente sollten sie Krankengeldempfänger zur Beantragung der Altersrente drängen können, „wenn die Voraussetzungen erfüllt sind“. Weigert sich der Versicherte, könnte die Kasse das Krankengeld sogar streichen.

          Zudem plädiert der Rat dafür, den Zugang zur psychotherapeutischen Behandlung zu verbessern. Er reagiert damit auf die wachsende Zahl psychischer Leiden, die sich in der Arbeitsunfähigkeitsstatistik und beim Krankengeld niederschlägt. Hier wie bei den vielen Rückenerkrankungen seien bessere Angebote zur Prävention und Behandlung nötig.

          Bild: dpa

          Runde Tische sollen die Kooperation unter der Renten- und Krankenversicherung verbessern. Denn jeder versucht, Lasten auf die andere Kostenstelle abzuschieben. Die Übergänge zwischen Kranken-, Übergangs- und Arbeitslosengeld I sowie der Erwerbsminderungsrente sollten klarer gezogen werden. Damit könne „potentiellen Fehlanreizen entgegengewirkt werden, den Krankengeldbezug möglichst lange auszuschöpfen“, heißt es.

          Weitere Fehlanreize könnten vermieden werden, wenn alle Bezieher von Arbeitslosengeld auch Krankengeld in gleicher Höhe erhielten. Heute sei es so, dass etwa befristet Beschäftigte, die gegen Ende ihrer Beschäftigung krank würden, das höhere Krankengeld bezögen, auch wenn sie inzwischen arbeitslos seien. So würden Bezieher von Krankengeld, die kurz vor dem Ende ihrer Befristung erkrankten gegenüber jenen Krankengeldempfängern besser gestellt, die erst kurz nach Ende der Befristung krank würden.

          Gröhe reagierte zurückhaltend auf die Vorschläge. „Das Gutachten gibt wichtige Anstöße und ist eine gute Diskussionsgrundlage für weitere Maßnahmen.“ Womöglich hofft er, dass sich das Thema von alleine erledigt. Immerhin hatte Gröhe erst am Freitag bei der Vorlage der Kassenzahlen für die ersten drei Quartale festgestellt, beim Krankengeld habe sich nach mehreren Jahren mit hohen, zum Teil zweistelligen Zuwächsen, der dynamische Anstieg mit einem Plus von 5 Prozent abgeflacht.

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