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Separatismus : Europas rebellische Regionen

Wut anheizen

Bevor Colin Pyle ins Politikgeschäft eintrat, war er Banker. Er weiß: Stimmungen sind so volatil wie Kurse an der Börse. Das ist das Problem der Separatisten in Schottland, Katalonien, Südtirol: Die Wut auf die Mutternation muss am Kochen gehalten werden. „Wir haben noch 450 Tage“, sagt Pyle. Im November will sein Chef Salmond ein Weißbuch vorlegen, in dem steht, was für ein Schottland die Regierungspartei SNP will, nachdem die Bürger mit Yes gestimmt haben: Das Pfund soll bleiben. Die Queen als Staatsoberhaupt auch. Mit Großbritannien will man kooperieren. Die künftigen Erträge aus dem Öl sollen in Schottland bleiben.

Alex Salmond, Separatist und schottischer Regierungschef

Pyles Widerpart auf der „No! Campaign“-Seite, die von der britischen Regierung bezahlt wird, ist Alistair Darling, Schotte und bis vor drei Jahren britischer Finanzminister in der Labour-Regierung. Darling ist ein Schwergewicht. Geld ist bei seinem Schlachtzug kein Problem. Darling hat die Washingtoner Medienberatungsfirma Blue State Digital engagiert, die Frankreichs Präsident François Hollande und zweimal Amerikas Präsident Barack Obama den Sieg sicherte. Als Darling der Presse das erste Mal die Kampagne vorstellte, sagte er, in einem unabhängigen Schottland könnten es die Schotten vergessen, dass Großbritannien nochmal die Royal Bank of Scotland vor der Pleite rette wie nach der Finanzkrise, als der britische Staat mit 45 Milliarden Pfund aushalf.

Schottland hat nicht nur Burgen, sondern auch Öl. Das wollen die Schotten behalten

Als Schottlands Ministerpräsident im Frühjahr seinen Fahrplan für die Unabhängigkeit vorstellte, wonach zwischen dem Referendum und der Unabhängigkeitserklärung gerade mal fünfzehn Monate vergehen sollen, bestellte Alistair Darling die Presse ein und präsentierte eine Tabelle mit der Dauer der Beitrittsverhandlungen sämtlicher EU-Neumitglieder seit den neunziger Jahren. Die Zeitungen titelten, dass Schottland neun Jahre warten müsse, bis es wieder Teil der Europäischen Union und ihrem Binnenmarkt sei. Jüngst trat Bill Clinton vor schottischen Geschäftsleuten auf und warnte vor Schmutzkampagnen, die das Land zerreißen könnte. Zwei Tage später kam ans Licht, dass die „No!“-Kampagne sich intern einen Arbeitstitel verpasst hatte: „Projekt Angst“.

Wenn man auf einer Europakarte mit rotem Stift eine Linie zwischen allen Ländern und Parteien ziehe, die Kriege geführt hätten, sei da nur noch Rot, schreibt der Dichter Robert Menasse. „Regionen führen keine Kriege, um ihr Gebiet zu vergrößern.“ Das ist doch mal ein gutes Schlusswort für diese Erzählung über Europa.

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