https://www.faz.net/-gqe-7avz3

Separatismus : Europas rebellische Regionen

Träume von Prosperität

Elisenda Paluzie hat sich eine halbe Stunde freigeschaufelt, wir werfen uns Zahlen an den Kopf. Katalonien hat mehr Menschen als Belgien oder Dänemark, rechnet die Dekanin vor; in Europa käme ein souveränes Katalonien an neunter Stelle; wenn die Steuer nicht mehr an Madrid abgeführt werden müsste, brächte das dem Haushalt einen Nettozufluss von 13 Milliarden Euro. Im Jahr! Und was ist mit dem Berg spanischer Staatsschulden, davon müsste sich Katalonien doch auf der anderen Seite einen Teil aufladen? Ja, sagt die Dekanin: „Genauso wie einen Teil der spanischen Goldreserven.“

Unser Strand, rufen die Katalanen. Nächstes Jahr wollen sie über den Austritt abstimmen.

Die dürften zwar sehr viel weniger wert sein, aber dieser Einwand wirft die Ökonomin nicht um. Genauso wie die Frage nach einem möglichen Boykott katalanischer Waren. „Ja, in den ersten Jahren würden die Spanier unseren Cava stehenlassen und Champagner trinken.“ Aber so einen Boykott habe es schon einmal gegeben, und in dieser Zeit sei das Export-Verhältnis gekippt: Jetzt verkaufen die Fabriken mehr Cava ins außerspanische Ausland.

Die anderen sind an Spanien schuld

Wenn Katalanen über Spanier sprechen, klingt da immer etwas Merkwürdiges mit: Fleißige auf der einen Seite, Faule auf der anderen. „Die Katalanen blickten auf die Andalusier herab, als wären diese Halbschwarze“, schrieb George Orwell in seinem Bürgerkriegs-Epos „Mein Katalonien“. Rassismus weisen die Katalanen weit von sich. Sie verweisen auf Argumente.

Anna erzählt die Geschichte vom spanischen Zugstreckennetz. Eine geplante Güterwaggonstrecke solle nicht am Mittelmeer entlangführen wie es sinnvoll wäre, sondern quer durch die spanische Provinz, nur weil die Madrider Politiker den Katalanen wieder mal eins auswischen wollten, so sieht sie das. Gegen teure Bahnstrecken demonstrieren auch die Arbeitslosen in Spaniens Süden. Im Taxi bringt der Reporter das andalusische Reichendorf Sotogrande ins Gespräch, wo sich hinter Schranken Pools und Palmen reihen, und vor den Schranken türmt sich der Müll. Das schockt Anna Arqué gar nicht. „In Andalusien haben die Kinder kostenlose Schulbücher“, sagt sie und kneift die Augen zu Schlitzen zusammen.

Solidarität mit allen außer Spanien

Ach, es tut gut, abends mit Jordi in einer Kneipe im Arbeiterviertel Sants zu sitzen. Es gibt Separatistenbier, auf dem Etikett prangt das rot-gelbe Wappen Kataloniens mit dem blau-weißen Stern der Unabhängigkeitsbewegung. Es tut auch gut, wenn man einem Freund seine Fragen stellen kann: Ist dieses „Los von Madrid“ nicht sehr egoistisch von den Katalanen? Ohne Katalonien stürzt Spanien ab. Jordi war schon immer links. Er demonstriert gegen alles. Tritt gerade einer Genossenschaft bei, die sich mit grünem Strom versorgt. Und glaubt an die internationale Solidarität. Nur mit Spanien nicht.

Jordi sagt, jede Woche höre er von einem, der seine Stelle verloren hat. Der Anteil der Wirtschaftsleistung, den Katalonien an die Zentralregierung abführt, ist viel höher als der Bayerns im deutschen Länderfinanzausgleich. „Solidarität hat ihre Grenzen“, sagt ein anderer Linker am Separatistentisch. Für die Katalanen ist diese Krise eine des Nationalstaats. Der in weiten Teilen Ödland ist. Ein souveränes Katalonien wäre die Chance, da rauszukommen.

Weitere Themen

Topmeldungen

In Verl im Kreis Gütersloh wurde ein Wohnblock abgesperrt und Tests durchgeführt.

Cluster bei Tönnies : Was wurde aus dem Corona-Ausbruch in Gütersloh?

Gütersloh war der erste Kreis, in dem wegen eines lokalen Corona-Ausbruchs eine regionale Einschränkung verhängt wurde. Über die Krankheitsverläufe gibt es nun eine Studie. Entwarnung gibt es noch immer nicht.
In der Kritik: Der neue Awo-Vorstand Steffen Krollmann liegt über Kreuz mit seinem alten Arbeitgeber.

F.A.Z. exklusiv : Awo-Dienstwagen für den Ehepartner

Die Staatsanwaltschaft weitet die Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt aus. Der neue Awo-Chef muss sich derweil gegen Vorwürfe seines ehemaligen Arbeitgebers zur Wehr setzen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.