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Separatismus : Europas rebellische Regionen

Deutsche im Ausland nennen sich ja tatsächlich immer noch nicht Europäer. Wie nennen sich die Südtiroler? „Tirolerin“, hat Eva Klotz in Meran geantwortet. Einen Stand weiter verteilte die Abgeordnete Ulli Mair die Handzettel der „Freiheitlichen“, Separatismuspartei mit Ziel eines völlig eigenständigen Staats. „Ich bin Deutsche“, hat Mair gesagt. Von der „Südtiroler Freiheit“ muss sie sich manchmal Sprüche über ihren Patriotismus anhören. Mair ist mit einem Italiener liiert.

Katalonien

Der niederländische Schriftsteller Geert Mak ist mal ein ganzes Jahr durch Europa gereist auf der Suche nach der europäischen Befindlichkeit: wie die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt, wie sie uns verbindet und trennt. Das Erste, was Mak in Katalonien einfiel, war die Feststellung, Barcelona sei „eine schlampige Frau mit wundervollen Augen“. Die Stadt, schreibt Mak, habe ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst: schöne Bauwerke und furchtbar hässliche Viertel, alles in katalanischer Sprache. Was auffalle: die Abwesenheit Spaniens.

Das stimmt. Anna Arqué hasst einfach alles, was mit Spanien zu tun hat. „Wir haben nichts zu tun mit diesen Leuten“, sagt sie und winkt ein Taxi herbei. Jeder demokratische Staat hat ja ein Legitimitätsproblem, wenn auf einem Teil seines Gebietes eine entschlossene Unabhängigkeitsbewegung aktiv ist, und das Problem des spanischen Staats heißt Anna. Ohne irgendeiner Partei anzugehören, hat sie die demonstrierenden Massen auf die Straße gebracht, inklusive ihrer Mutter.

2009 ging es mit Märschen im Land und Demonstrationen in Brüssel los, zwei Jahre später sprachen sich über eine Million Katalanen bei einem inoffiziellen Referendum dafür aus, Katalonien solle über die Loslösung von Spanien abstimmen. Die meisten hatten vorher nie einer politischen Bewegung angehört. Vergangenen Februar stimmte das katalanische Parlament für das Referendum, das die spanische Verfassung verbietet: 2014 soll es kommen.

Harte Männer, depressive Ehefrauen

Wenn ein Land ein Problem mit einer aktiven Unabhängigkeitsbewegung hat, wird jede kluge Regierung versuchen, diese durch Verhandlungen aus der Welt zu räumen. Die spanische nicht. Alejo Vidal Quadras, der das Kriegsrecht verhängen wollte, hat jüngst mit der Guardia Civil gedroht, der paramilitärischen ehemaligen Franco-Polizei. Sollten die Katalanen wirklich Wahlurnen aufstellen, werde die Guardia Civil diese beschlagnahmen. Der Ton ist rau geworden in Spanien. Hier ist der Prozess der Bildung einer Nation nie vollendet worden. Madrid ist Madrid, und Katalonien ist Katalonien. Die Haltung der spanischen Regierung, schreibt Mak, erinnere an die Reaktion von Männern, die bei Beziehungsproblemen ihren weinenden und depressiven Ehefrauen entgegenhalten: Es ist doch alles in Ordnung, Schatz. Worüber regst du dich so auf? Wir führen doch eine ganz wunderbare Beziehung!

Ana Arqué, Separatistin aus Barcelona

Auf der Suche nach den Separatisten lernt der Reporter tatsächlich vor allem starke Frauen kennen. Mütter der Nation eben. Der Präsident der größten Universität Barcelonas, der Audienz gewährt, ist zwar ein Mann, aber nicht wirklich ein Freiheitskämpfer. Unter riesigen Ölgemälden mit mittelalterlichem Personal sitzt er und spricht über sein Erweckungserlebnis: „Ich schrieb einen Aufsatz über kollektive Identität und habe mich gefragt: Gibt es die?“ Da wurde er zum Separatisten. Seine Untergebene, die Dekanin des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts, ist für Sachargumente zuständig.

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