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Separatismus : Europas rebellische Regionen

Nun gärt es wieder in Südtirol. „Kein Wunder bei der Arbeitslosenquote“, ruft Eva Klotz. Die liegt nur bei 4,5 Prozent. In Gesamtitalien ist sie dreimal so hoch. Aber vor ein paar Jahren gab es in Südtirol eben gar keine Arbeitslosen. Alles ist relativ. Seit den siebziger Jahren ist viel Geld von Rom nach Südtirol geflossen, die Regierungspartei SVP hat es nach Gutdünken verteilt. Wobei vor allem die Deutschsprachigen gut wegkamen. Der Bozener Psychiater Mario Lanczik erzählt von jener leicht unwohligen Grundstimmung der Italiener im Land, die in Südtirol wieder weniger werden, weil die Stellen im aufgeblähten öffentlichen Dienst nach dem Proporzprinzip vor allem an Deutschsprachige gehen. Italiener wandern ab.

Südtiroler Filz

Was bleibt, sind die Folgen der italienischen Schuldenkrise, die die Wirtschaft der Nation in diesem Jahr um bis zu zwei Prozent schrumpfen lassen wird. Dass Ex-Italien-Premier Mario Monti gefordert hat, Südtirol solle sich mit über hundert Millionen Euro an der Sanierung des italienischen Staatshaushalts beteiligen, wofür die Steuern auf Immobilien, Konsumgüter, Einkommen sowie die Abgaben der Bauern steigen sollten, haben die Südtiroler ihm bis heute nicht verziehen.

Eva Klotz, Separatistin aus Bozen

“Was ist solch eine Autonomie noch wert?“, ruft Eva Klotz. „Italien zieht uns runter“, rufen die Lederhosen-Twens vor der Festbühne. Sechzig Fanclubs des FC Bayern gibt es im Land, samstags fährt Busladung auf Busladung nach München. Südtirols Alt-Separatisten wie Eva Klotz haben ihr halbes Leben für die Unabhängigkeit gekämpft. Nun politisiert die Krise die Jugend, was auch ein Problem für die Regierungspartei SVP ist, die von einem Filzskandal in den nächsten stolpert.

Ende Oktober ist Landtagswahl, die Separatisten sind im Aufwind. Sie lassen sich jetzt coachen, lassen Gutachten erstellen über die Frage, ob ein neuer Südtiroler Staat sofort aus EU und Euro austreten müsste. Das ist die größte Sorge der Unternehmer. Rat kommt von Anna Arqué, die sich mit denselben Fragen herumschlägt, eine schöne Separatistin aus Barcelona. Zum Unabhängigkeitstag ist sie eingeflogen und peitscht die Menge auf.

Internationaler Separatismus

Was in Meran auffällt: Separatisten können sehr unterschiedliche Menschen sein. Sie solle ihre katalanische Tracht anziehen, hat Eva Klotz Kollegin Anna aufgefordert. Doch so etwas besitzt sie nicht. Ende dreißig ist die Katalanin und seit vier Jahren mit Ausnahme von zwei freien Wochenenden im Dauereinsatz für die Loslösung von Madrid. Sie besaß eine Unternehmensberatung in London. Jetzt lebt sie von den Ersparnissen. Sie spricht schnell. Und lädt nach Barcelona ein.

Abschied von Bozen. Kann es etwas Schöneres geben als bei strahlender Sonntagmorgensonne am Walther-Platz zu sitzen? Ein österreichischer Soziologe namens Manfred Prisching nennt in der „Presse“ den seiner Ansicht nach zwingenden Weg Europas: „Die Staaten werden aufgelöst. Sie werden weiterbestehen als Landschaft, als Gefühl, als Kultur, als Folklore, als Geschichte - aber nicht als Staat. Es wird weiterhin eine Art Regierung und Parlament geben, aber ohne entscheidende Kompetenzen.“ Nur „verstehen das die Bevölkerungen fatalerweise nicht“.

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