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Separatismus : Europas rebellische Regionen

Kleiner Streifgang durch die Straßen. Das Siegesdenkmal, das Mussolini in den zwanziger Jahren bauen ließ, markiert den Beginn der Neustadt und für seine Erbauer zudem den Beginn der Zivilisation. „Sprache, Gesetze und Künste“ brachten die Italiener laut lateinischer Inschrift den Tirolern. Das Denkmal ist abgesperrt und videoüberwacht, damit es nachts kein Südtiroler in die Luft jagt. Vor fünf Jahren ordnete Berlusconis Verteidigungsminister an, dass unter dem Klotz wieder Gedenkkränze der italienischen Regierung abgelegt werden sollen. Die einstige Routineprovokation hatte es seit eineinhalb Dekaden in Bozen nicht mehr gegeben.

Dass eine radikale römische Regierung den Südtirolern ihre weltbeste Autonomie beschneidet, ist hier Dauersorge. Eigentlich kommen sie gut aus, die Kulturen, die sich am Handelsplatz Bozen schon immer vielfältig tummelten. Und dass in ihren Pässen als Herkunftsland Italien steht, haben sich die Südtiroler teuer bezahlen lassen seit dem Autonomiestatut von 1972. Die Südtiroler Abgeordneten im römischen Parlament sind oft das Zünglein an der Waage. Und stimmen dem Haushalt nur dann zu, wenn wieder mal neue Hoheitsrechte an die Südtiroler Landesverwaltung wandern. Für die Landesstraßen etwa oder die Bahnhöfe. Außer Armee, Außenpolitik, Steuerhoheit und Polizei liegt mittlerweile ziemlich viel Exekutivgewalt in den Händen der Südtiroler, 90 Prozent der Steuern müssen ohnehin zurück ins Land fließen.

Wirtschaftlich-historischer Sezessionismus

Am Gerichtsplatz prangt ein interessantes Relief. Es zeigt den Duce hoch zu Ross. In Südtirol zeigt sich ja die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie unter dem Brennglas. Es ist alles da: die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg mit ihren Auswirkungen, die ethnische Flurbereinigung der „Option“ von 1939, als sich 86 Prozent der Südtiroler entschieden, ihre Heimat zu verlassen, um „Reichsdeutsche“ zu werden. Das Ende des Zweiten Weltkriegs, nach dem die Brennergrenze blieb. Die Enttäuschung, dass es mit der von Italien versprochenen Autonomie nicht weit her war.

Südtirols neuer Sezessionismus hat wirtschaftliche Gründe und ist doch von der Geschichte der Region nicht zu trennen. Neben dem Tourismus war Südtirols große wirtschaftliche Stärke die Energiegewinnung aus Stauseen, weshalb 1961 in Mailand auch mal die Lichter ausgingen. Im herrlich sommerfrischen Meran, 30 Autominuten von Bozen entfernt, erzählt Eva Klotz, Jahrgang 1951, von der Reise zu ihrem Vater. In Meran ist heute „Unabhängigkeitstag“, großes europäisches Separatistentreffen mit der Südtiroler Band „Volxrock“ und „Los von Rom“-Sprechchören.

Sieht das italienisch aus? Nein, meinen die Südtiroler

Aber erst hören wir die Geschichte von Georg Klotz. Im Oktober 2001 machte sich die Tochter auf in die Stubaier Gletscherwelt, stieg zur Windach-Scharte auf 2844 Meter, von wo man zur nächstgelegenen Schutzhütte auf Nordtiroler Seite gelangt. Dorthin hatte sich Vater Georg einst mit letzter Kraft vor den italienischen Polizisten gerettet, nach zweiundvierzigstündigem Marsch und Steckschuss in der Brust. In der „Feuernacht“ auf den 12. Juni 1961 hatten Klotz und Gesinnungsgenossen 38 Strommasten in die Luft gebombt. „So hat sich die Mutter in den Türrahmen gestellt“, ruft Eva Klotz, Jahrgang 1951, und zeigt mit ausgebreiteten Armen, wie sich die Mutter positioniert hat, damit der Polizist nicht merkte, wie der Vater floh. In Italien ist Klotz ein Terrorist. Für die Tochter ein Freiheitskämpfer.

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