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Separatismus : Europas rebellische Regionen

Wilfried Scharnagl, Dichter, Denker, Bayer

Das Schloss ist erreicht, der Blick über die Baumwipfel des Freistaats herrlich. Scharnagl tourt gerade an der Seite Peter Gauweilers durch Bayern: „Bayern zuerst.“ Die Leute rennen den Show-Separatisten die Bierzelte ein. „Kein Wunder, bei dem, was gerade in Europa passiert“, sagt Scharnagl. Besonders von den Katalanen ist er angetan, wo sich das politische Spektrum von links nach rechts einig ist: Los von Madrid! Vor der Landtagswahl wird Scharnagl nicht mehr die Unabhängigkeit Bayerns ausrufen und danach wohl auch nicht. Aber den Länderfinanzausgleich würde er gern beerdigt sehen und die Brüsseler Euro-Retterei gleich mit. „Das machen wir Bayern nicht mehr lange mit.“ Der Bayer verabschiedet sich. Und der Reporter vom Freistaat.

Südtirol

Im Zug die erste Notiz an der Brennergrenze zu Italien: Der Schmäh österreichischer Bundesbahn-Kellner ist eindeutig nicht europakonform. Und jeder italienische Grenzpolizist sieht aus wie ein General. Freundlich grüßend trippeln die Träger dieser prachtvollen blau-roten Uniformen durchs Abteil. Die Deutschsprachigen, die zwei Drittel der Bevölkerung Südtirols stellen, haben es ja weniger mit Grandezza. Weswegen es angeblich auch kaum zu Eheschließungen zwischen deutschsprachigen Männern und italienischsprachigen Frauen in Südtirol kommt. Zur umgekehrten Konstellation hingegen wohl.

Der Zug steht immer noch am „Brennero“. Zeit, im „Europäischen Landboten“ des österreichischen Schriftstellers und Europa-Fans Robert Menasse zu lesen. „Die Verteidiger und Schönmaler des Nationalen, die zum ersten Mal seit hundert Jahren wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, produzieren diese Krise“, schreibt er. „Je mehr sie sich mit ihren Mitteln gegen sie wehren, desto mehr verschärfen sie sie.“ Das „Europa der Nationalstaaten“ will er „überwinden“. Am Ende eine Überraschung. Nicht Brüssel soll uns regieren. Europa-Fan Menasse träumt von einem Europa der Regionen.

Das hören die Südtiroler gerne. Es ist ja die Angst vor der italienischen Nation, die sie auf die Straße treibt. BBC, „Chicago Tribune“, Russia Today - auf der ganzen Welt wurde schon über den wiedergekehrten Separatismus im „Alto Adige“ berichtet. Dort ist das Pro-Kopf-Einkommen das höchste Italiens. Und die wohlhabenden Südtiroler Bauern, die wenig Steuern zahlen, haben nun Angst, dass sie bald die Raten ihrer silberfarbenen Audi-Limousinen nicht mehr bezahlen können, wenn die Schuldenberge Italiens das prosperierende Südtirol mit in den Abgrund reißen. Hier am Brenner, fürchten sie, könnte in nicht allzu ferner Zukunft die Euro-Grenze verlaufen. Schließlich ist laut Umfragen schon jetzt jeder fünfte Italiener überzeugt, ohne die EU wäre Italien stärker. Vor allem die Anhänger Beppe Grillos und Silvio Berlusconis wollen die Lira wiederhaben.

Ankunft in Bozen. Was für eine schöne Stadt! Sofern man auf der richtigen Seite ist. Der Flusslauf der Talfer trennt die Altstadt, wo die Deutschen in gotischer Architektur wohnen, von den neoklassizistischen Bauten der Neustadt im Stil des Römischen Reichs. In einem Gewaltakt haben die italienischen Machthaber der ersten Jahrhunderthälfte hier Römer, Sizilianer, Neapolitaner angesiedelt. Die Region war eben immer Kriegsbeute.

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